Brief an Richard David Precht

Lieber Herr Precht.

Ich habe gerade, im Zuge (m)einer kinderfreien Woche, eine Folge von Jung und Naiv vom September diesen Jahres geschaut. Und es war mir eine Freude, natürlich, und ich bin froh, und staune auch immer, daß wenn ich mir dann mal den Luxus gönne, mich ein wenig ins Weltgeschehen und den Diskussionen darum hineinzuklicken, daß ich dann bei so etwas wie dem eben gesehenen Video herauskomme. Wie dem auch sei, dieses Video brachte mich dazu, Ihnen einen in mir schon lange reifenden Gedanken nieder zu schreiben: Ein Gedankengang, viel mehr, nämlich zu Ihrer, in dem Interview mit Tilo Jung eigentlich nur kurz angeschnittenen Frage nach dem Sinn des Lebens. Es ging wie gesagt in dem Gespräch auch nicht lange um diese Frage, aber eines Ihrer Bücher trägt diese Formulierung zumindest im Titel. (Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens…) Ich habe es nicht gelesen. Dazu müsste ich wahrscheinlich ein gänzlich kinderfreies Leben führen, oder beim Ausschreiben zur Grundeinkommens-Studie gewinnen. 😉 Wie dem auch sei, ich möchte Ihnen unbedingt kurz diesen einen Gedanken(strang) schreiben. (Mögen die nicht messbaren Algorithmen dieses Lebens entscheiden, ob Sie diese Zeilen je lesen werden…)

Bei dieser Frage, nach dem „Sinn des Lebens“, an die wir uns – gefühlt – immer nicht so gerne wagen, (irgendwie scheint sie in ihrer Größe zu.. philosophisch oder „schwer“, im Sinne von gewichtig zu sein…) bei dieser Frage ärgert mich die ganze Zeit ein Fakt, der meiner Meinung nach dazu führt, daß wir diese wie ich finde nicht unwichtige Frage meiden, umschiffen oder auf den Stapel der Dinge legen, über die man bei einem Bier und mit etwas Humor an einem See im Urlaub mal spekulieren kann, die aber in meinem realen, alltäglichen Leben keine Rolle spielt, oder kein Platz hat. Und der Fakt, der mich dabei ärgert, ist die Definition oder das Verständnis des Wortes „Sinn“, die, bzw. welches wir meiner Meinung nach davon haben. Meinem Empfinden nach ist derzeit die Frage nach dem Sinn von etwas immer auch eine Frage nach einer Art Berechtigung. Eine Art Legitimation der Existenz. Hat etwas einen Sinn, dann ist es gut, fühlt sich gut an, dann ist es „richtig“. Und hat etwas keinen Sinn, dann verliert es irgendwie an Existenzberechtigung. Das ist ja erstmal in vielen Fällen äußerst logisch, denn wenn es keinen Sinn ergibt, daß ich seit einer Stunde auf meine Verabredung warte, dann ist es auch nachvollziehbar, daß ich dann gehe, weil mich das weitere Warten innerlich frustriert. Wenn aber also nach dem Sinn des Lebens gefragt wird, haftet dem immer an, daß ich meinem Leben, meiner Existenz, irgendwie einen gesamtheitlichen Grund geben muß, oder eine Art Ziel, einen Inhalt. Und dem haftet natürlich auch an, daß, wenn ich auf dieses Problem keine Lösung finde, es sich eigenartig leer anfühlt, und die Frage nahe liegt, was alle untergeordneten Handlungen und Entscheidungen in meinem Leben dann für einen Grund haben, und ob nicht alles ganz anders getan oder entschieden werden könnte. Und es haftet dem außerdem an, daß meine Existenz hier auf diesem Planeten ohne Bedeutung sein könnte, was sich natürlich unangenehm anfühlt. (Selbst wenn ich auf die Frage eine Antwort finde, wenn ich also einen Sinn im Leben sehe, lägen auch die Fragen nah‘, was ich mache wenn ich das Ziel erreicht habe, oder was ich mache wenn es sich als Irrtum herausstellt…)

Ich behaupte also, daß die Frage nach dem Sinn des Lebens immer eine etwas schwer zu greifende Schwere bekommt, solange wir „Sinn“ als etwas definieren, was nicht viel mehr tut, als in seiner Anwesenheit eine Art Berechtigung und in seiner Abwesenheit eine Art Leere herstellt.

Und vielleicht haben Sie darüber schon einige ausführliche Stunden nachgedacht und diesen Gedankenkomplex hinreichend durchforstet, vielleicht haben Sie sogar längst irgend ein Buch darüber geschrieben, und ich habe von all dem nichts mitbekommen. Vielleicht ist das alles für Sie eine etwas zeitraubende und wenig bedeutsame Überlegung, das wäre mir ein wenig unangenehm, aber es würde den Drang Ihnen das folgende noch mitzuteilen nicht mindern:

Denn ich finde die Frage, oder besser die Antwort auf die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ keine unwesentliche, auch für unser aller Zusammenleben! Aber eben aus einer Kameraperspektive, die diese Frage etwas anders versteht: Die nämlich die Frage von ihrer Wertung und ihrer Existenzberechtigung befreit, und vielmehr nach dem Prinzip des Lebens fragt. Wenn ich also viel weniger frage, warum ich lebe, sondern: nach welchen Gesetzmäßigkeiten Leben an sich funktioniert! Welchen Prinzipien folgt also alles, was lebt? Das zieht nun natürlich zwangsläufig nach sich, den Begriff „Leben“, definieren zu müssen. Und das hat sicher schon der eine oder die andere vor mir getan, und ich habe wahrscheinlich auch davon keine/n gelesen. Ich habe sie alle nicht gelesen, die Heideggers und Kants und Descartes und Metzingers und Arendts und Prechts (doch, von dem hab ich „selbst Denken“ gelesen. Kam damals genau zur richtigen Zeit das Buch, war super!), und vielleicht bin ich größenwahnsinnig zu glauben, die Gedanken die ich habe, hätte vorher noch niemand gehabt. Aber ich muß das ja auch alles nicht gelesen haben, finde ich, um solche Zeilen verfassen zu dürfen, es gibt ja auch noch ein paar andere Bildungshintergründe, aus denen heraus man philosophisch werden darf, wie Kinder kriegen zum Beispiel. Wie dem auch sei, wenn ich das jetzt einfach mal so aus meiner wie auch immer gearteten Perspektive, und meinetwegen sehr spielerisch, beschreibe, wie ich es denke: Wenn ich „Leben“ nicht sehe als das Existieren oder Handeln. Sondern wenn ich frage: was vereint alle Wesen, die leben. Und wenn ich das jetzt zum Beispiel mal eher biologisch sehe, und sage:

Alles was lebt: 1. wechselwirkt mit seiner Umwelt, 2. organisiert und reguliert sich selbst (soweit ich die Homöostase bisher verstanden habe, liebe ich dieses Gedankenfeld…), es versucht also immer einen Gleichgewichtszustand aufrechtzuerhalten, 3. alles was lebt ist reizbar, das heißt es re-agiert (damit auch) immer auf seine Umwelt, 4. alles was lebt, will sich fortpflanzen oder reproduzieren, das heißt auch, es will sich selbst in gewissem Rahmen erhalten, und, es will 5. auch das, was es kann oder gelernt hat, weiter geben (Vererbung) und es folgt last but not least 6. außerdem immer dem Bedürfnis des Wachstums im Sinne einer (Weiter)Entwicklung. (Und ich sehe hier nicht unbedingt das Bedürfnis, aus etwas immer mehr zu machen, genauso wie ein Kirschkern nicht zwangsläufig ein immer größerer Kirschkern werden will, sondern ein Kirschkern will sich in Richtung eines Baumes ent-wickeln, es will die Informationen, die es in sich trägt, zu einer Realität werden lassen, dem Kirschbaum.)

Wenn wir uns also in irgendeiner Form darauf einigen könnten, welchen Prinzipien das Phänomen „Leben“ folgt, welche Mechanismen demnach auch allen Wesen, die leben, inne wohnen, wie zum Beispiel (!) diese o.g. biologischen Prinzipien. Dann könnte ich doch relativ einfach fragen: Hat mein Leben einen Sinn, oder nicht. Das wäre dann aber eben nicht die Frage: hat mein Leben eine Berechtigung, oder nicht, sondern die Frage wäre dann vielmehr: folge ich, als Wesen, welches lebt, den Prinzipien des Lebens?

Außerdem könnte ich mich dann auch vor einigen größeren Diskussionen oder Streits erst einmal fragen: Will ich denn leben? Befürworte ich das Leben, halte ich es für erstrebenswert, dem Prinzip des Lebens zu folgen? Wenn sich unsere Antworten in diesem Punkt unterscheiden, könnten wir uns demnach auch einen langwierigen Streit ersparen, denn niemand „muß“ ja Leben befürworten. Aber wenn wir uns vorab darauf einigen würden, daß wir das Leben erstmal wollen, oder erhalten wollen, den Prinzipien von „Leben“ also folgen wollen, dann müssten wir doch „nur“ noch fragen: Gut, und was von dem was wir tun oder nicht tun, erhält also das Leben, und was tut es nicht. (Das läge auch die wie ich finde schöne Alternative zum Begriff „richtig“ oder „falsch“ nahe, man könnte da dann eher fragen: ist etwas für oder ist es gegen das Leben!).

Und bei dieser Fragestellung ist es doch dann relativ (!) einfach, zu sehen, daß ein Wunsch nach permanentem Wachstum, der kein Kreislauf ist, sondern ein lineares Ins-Unendliche-Streben, das Leben langfristig nie erhält, sondern völlig gegen das Leben gerichtet ist. Oder natürlich, daß endliche Rohstoffe aus der Erde zu ziehen dem Prinzip Leben widerstrebt. Daß mehr Bäume zu roden als nachwachsen können auch nicht dem Prinzip „Leben“ folgt. Oder auch, daß immer Recht haben zu wollen in einer Kommunikation, nicht dem Prinzip des Re-agierens folgt, sich da auch überhaupt nichts fortpflanzt und da weder bei mir selbst noch beim Andern sich irgendwas weiterentwickelt. Oder daß das Ziehen von Grenzen unter einigen Gesichtspunkten dem Prinzip des Lebens sehr folgt, wenn es schützt, wenn es sich abgrenzt um beispielsweise zu wachsen oder zu heilen, daß aber eine andere Form der dauernden Abgrenzung dem Prinzip des Lebens überhaupt nicht folgt, weil es Diversität verunmöglicht, weil es auf lange Sicht auf Inzucht hinaus läuft und da auch nichts mehr in Beziehung gehen kann. Ein Erdbeerfeld zu pflanzen kann für das (Prinzip) Leben sein, ihm also zuträglich, Strawberry fields forever wäre aber irgendwann gegen das (Prinzip) Leben. Gewalt ist wahrscheinlich in den meisten Fällen dem Prinzip des Lebens äußerst abträglich. Mich aber mit Gewalt gegen die Vernichtung meines Lebensraumes wehren, könnte in manchen Fällen aus der Perspektive des „Prinzips Leben“ aber vielleicht nachvollziehbar sein. Arbeitsplätze zu schaffen wäre dann nicht per se ein Allheilmittel für alles was lebt, sondern es müsste gefragt werden, was tut denn der Mensch, der da arbeitet? (Entwickelt er sich oder irgendetwas weiter, oder hält er einen gegen das Leben gerichteten Mechanismus am Laufen?). Das ganze Gebiet der Ernährung müsste nicht mehr hinsichtlich der Frage betrachtet werden, ob vegetarisch zu essen richtig oder falsch ist, sondern zum Beispiel nach der Frage, wie viel Fleischkonsum ist sinn-voll, folgt also den Prinzipien des Lebens, und ab wie viel davon konterkarieren wir das Prinzip Leben damit? Ich könnte die Liste noch eine Weile lang fortsetzen, dessen, was also das Prinzip Leben bejaht, und was sich dem Prinzip leben entgegenstellt. Wenn wir uns also, und dabei ist es vielleicht sogar unerheblich, ob ich das individuell betrachte oder gesamtgesellschaftlich, viel weniger fragen: ist mein Leben gut, hat es einen Sinn, daß ich hier existiere, hat mein oder unser Leben eine Bedeutung, sondern wenn ich mich stattdessen frage: folgt mein Handeln oder die Summe meiner Entscheidungen dem Prinzip Leben, dann wäre doch die Antwort genau darauf durchaus interessant, und lohnte es sich damit zu stellen, oder nicht?

So. Lieber Herr Precht. Dies ist also mein Gedankengang, den ich schon seit wirklich geraumer Zeit mit mir herumtrage, und den ich nun endlich mal verschriftlicht und in die Welt geschickt habe. (Und sei es nur ein selbst-therapeutischer Zweck, dem das Ganze hier gefolgt ist, so war es für mich, glaube ich, doch sehr dem Leben zuträglich, denn ich habe mich durchaus beim Schreiben dessen ein wenig selbst reguliert, habe auf Reize meiner Umwelt reagiert, habe diesen Gedanken vielleicht sogar ein wenig fortgepflanzt (und sei es nur in mir…), habe mich irgendwie auch um einen Nanometer vererbt, zumindest potentiell, habe mich selbst beim Schreiben definitiv ein wenig weiterentwickelt und vielleicht wechselwirke ich sogar damit ein wenig mit meiner Umwelt. Wer weiß 🙂

Ich danke Ihnen fürs (eventuelle) Lesen bis hier hin.

Mit den besten Grüßen und nicht ohne meine Hochachtung,

Martha Laux

(Dresden, 28.10.2020)

versinken in Dingen

Wir versinken in Dingen. Ich versinke in Dingen. Ich habe heute die Kiste mit „Elektrozeug“ ausgekippt und aussortiert. Dinge. Ein Babyphone. (zuletzt genutz vor etwa neun Jahren. Beim zweiten Kind ein neues Babyphone gekauft.) Kabel. Computerkabel. Netzwerkkabel. Kabel mit Bruch. Stecker mit abgeschnittenen Kabeln dran. Ein Lampenschirm (soo schön retro, wenn auch kaputt) mit Kabel dran. Etwa eine viertel Stunde Kopfhörerkabel entfitzt. Alle aussortiert. Irgendein Festplattenkabel. Netzteile. Viele Netzteile. Eine Basisstation für ein schnurloses Festnetztelefon. Ohne Schnur und ohne Telefon. Eine Taschenlampe, vermutlich für 1,99 €, oder gar DM, mit ausgelaufenen Batterien. Glühbirnenfassungen, bestimmt drei. Sahen nicht mehr gut aus. Ein Dreiphasenstecker. Behalten. Ein Moskitonetz in seiner Packung. Knieschoner. Noch nie benutzt. (In der Elektrokiste?). Einen uralten Schalter, vielleicht von einer Puppenstube. Einen Kippschalter an einem abgeschnittenen Kabel. Eine Zeitschaltuhr. (Behalten). Ein Batteriegehäuse mit einem hauchdünnen LED-Lämpchen-Kabel daran. (Heimlich behalten. Funktionierte noch.) Viele USB-auf-irgendwas-Kabel. Und das war noch nicht alles. Den Rest weiß ich nicht mehr. Eine Kiste. Es war nur eine Kiste. Ich habe einige solcher Kisten. Wir versinken in Dingen. Mit jedem Ding könnte man noch irgendwas tun, könnte man sich das Geld sparen und die Umwelt schonen, würde man es aufheben und das nächste mal (wirklich) nutzen. Aber ich tue es nicht. Niemand tut es. Ich stelle es alles in einer Kiste an eine Verschenke-Ecke. Bis auf die Basisstation ohne Telefon, das kommt in den Müll. Vielleicht freut sich jemand über das Moskitonetz. Dinge. Jedes Ding könnte ein Projekt sein. Der Tag hat weniger Stunden als der Konjunktiv Möglichkeiten. Wir versinken. Und trinken es dann als Mikroplastik mit unserem Shake. Und kaufen uns dann teure Filter, die alles wahrscheinlich herausfiltern. Dinge. Alles Synapsen in (m)einem Hirn. Alles Möglichkeiten die Staub saugen und Geschichten erzählen, die wir verdrängen. Die wir oben aufs Regal stellen. Und ich wunder mich noch…

Corona-Tagebuch 1.3

Und dann vergeht Zeit. Ein ever-präsentes Thema. Hält langsam Einzug. Nichts ist normal und doch irgendwie alles. „Langsam wieder…“ . Was ich an dem ganzen mag, an Corona, ist, daß es die Grenzen ein wenig aus ihren Angeln hebelt, die wir sonst so hatten. Die Definitionen. (Fußnote: Nun, keine Definition ohne Grenze und andersherum…). Die Kompassnadel ist ein wenig eine andere geworden. Und das finde ich schön. Mit der neuen Kompass-nadel fällt meine Links-Rechts-Schwäche gar nicht mehr so auf.

Nun ja, aber gleichwohl. Von jeder Kompassnadel wollen wir natürlich trotzdem noch, daß sie irgendwo hin zeigt. Das können wir schwer ertragen, wenn sie sich dreht und dreht. Oder stellen wir uns vor sie würde nach oben zeigen, plötzlich! Oder: nach Innen!! Nun ja, aber ja, die Nadel schieben wir trotzdem dann schnell irgendwo hin. Auch ich. Ja, ich muss gar nicht so tun. Wer eine Partei wählt, die so viele mir unheimlich fremde Menschen auch wählen, da muss ich vor’m (richtigen) Zuhören erst mal durch so ein Dickicht an ungeklärter Fragen. Irritation. Holt mich einfach überhaupt nicht ab, diese Partei. Aber nun gut. Ja auch erstmal egal, Partei, Partei, da dreht sich ja nun wirklich nicht alles drum. War ja auch nur ein Beispiel. Corona jedenfalls bringt, finde ich, eine neue Kompassnadel ins Spiel. Wer weiß ob die besser oder schlechter ist, aber es ist einfach erst mal eine andere.

Und dann gehen Menschen zu Demos, wo es mich grad wirklich nicht hinzieht. Aber sie finden dort was. Und diese Menschen sind mir zugewandt. Mindestens. Und ich ihnen. Vielleicht ist es meine Mutter. Oder mein Freund. Pro Corona und gegen Corona. Das ist natürlich irgendwie Schwachsinn. Odernicht? Ja, das ist dann wieder gleich die Kompassnadel irgendwo hin schieben. Das langweilt mich. Ja und es fordert mich natürlich auch heraus, denn auch ich schiebe bisweilen die Kompassnadel allzuschnell in irgend eine Richtung. Aber sie wird eben zur Zeit auf eine schöne Art immer durch verschiedene Magnetismen gestört.

Und gleichwohl, kommt es aber natürlich zu konkreteren Fragen. Ganz konkreten Fragen. Und ich meine nicht so Fragen wie: setze ich die Maske auf oder nicht. Es gibt noch mehr Fragen: Wie sehr fordere ich die anderen auf, eine Maske zu tragen? Oder auch: Wie fordere ich, wenn ich es tue, die Menschen auf eine Maske zu tragen? Und es ist doch aber auch der Fall, daß diese ganz konkreten Fragen auch wieder zu den großen Fragen führen (dürfen, sollen!?!) Wer ist woran Schuld? Und ist diese Schuld nicht auch irgendwie ein alles-vernichtendes Argument und lenkt es nicht auch ein wenig ab? Oder nicht? Wenn Dir Schuld wichtig ist, dann sag es mir! Und wenn Du Angst hast. Was ist mit der Angst?

Weißt Du. Langsam. Allmählich. Allmählich entsteht in mir eine Meinung. (Aber lasst mir doch ein wenig Zeit noch… lasst uns vielleicht allen überhaupt ein wenig Zeit eine Meinung zu finden und nicht gleich versuchen eine zu haben, bevor es sich richtig anfühlt, und auch die anderen nicht zu zwingen (m)eine zu haben! …) Gleichwohl. Mehrere Meinungen zu verschiedenen Aspekten entstehen in mir. Únd eine davon merkte ich förmlich entstehen, als eine Kundin zu mir in den Laden kommt, mit Maske auf. Und als sie zu mir an die Kasse kommt, setze auch ich meine Maske auf. Sie sieht mich an, meine Re-Aktion bemerkend, und ich höre mich sagen: Wenn es Ihnen wichtig ist, dann ist es mir das auch. Und da habe ich gedacht, lasst den Menschen ihre Angst. Ich muss sie nicht teilen und nicht mögen. Aber keine Enge dieser Welt lässt sich mit Enge weiten. Und, daneben stehend, ja sich förmlich ineinander verschlingend ergänzend, heißt das auch: verlange nicht von mir eine Sorge zu tragen, die ich nicht greifen kann. Mach mir keinen Vorwurf aus meiner Abwesenheit von Sorge! Und nenn mich wenn Du kannst nicht verantwortungslos, denn auch ich muß im Falle des Falles zur Antwort fähig sein. Auch mein Herz und Kopf wollen eine Antwort wissen wenn ich Corona habe. Oder wenn andere wegen mir Corona haben. Auch ich will das nicht. Und diese Maske tut etwas. Sie tut vieles. Manchmal sogar da mag ich sie. Mag das Mich-einkuscheln und -verstecken in meinem Tuch, mag meine eigene Wärme zu spüren und sonst keine. Und an anderen Tagen da bremst sie mich. Nimmt mir die Freude am Atmen. Am Lächeln. Lässt mich mich eigenartig fühlen. Ich wasche mir die Hände übrigens. Mehr als zuvor. Terry Prettchat hat gesagt, Hexen haben immer saubere Hände. Hände waschen ist gut. Muss ja nicht manisch werden. Aber fließend Wasser ist gut. Nun, und wenn Du eine Maske tragen willst, und wenn Du willst, daß ich eine trage, dann setze ich sie für den Zeitraum, in dem wir hier und an diesem Ort einfach gut miteinander sein wollen, gerne auf.

Ich verfluche dieses Kleinfamilienkonzept

Ich verfluche dieses Eine-Mutter-ein-Vater-Konzept. Ich verfluche es aus der Mitte meiner Seele. Irgendwelche manischen Vorfahren haben wahrscheinlich irgendwann was falsch verstanden und ein spirituelles Bild von einer Bipolaren Einheit von Männlichkeit und Weiblichkeit einfach eins zu eins auf den Menschen geglaubt übertragen zu müssen. Willst Du diese eine Frau lieben und ehren bis daß der Tod Euch scheidet? Und seit dem rennen wir rum und eine Frau soll nun alles Weibliche in sich beherbergen und ein Mann alles Männliche. Das funktioniert aber nicht. Eine Mutter ist in diesem Konzept immer alleinerziehend, egal wie viel Mann sie noch neben sich hat, weil sie die einzige Mutter für ihre Kinder bleibt. Aber ich will nicht die einzige Mutter für meine Kinder sein. Ich möchte Schwestern neben mir. Und Tanten. Und Mütter. Und Großmütter. Aber beziehungsunfähig wie ich geworden bin in dieser Welt habe ich das nicht. Ich bin alleine als Mutter. Ich bin immer die einzige Mutter für meine Kinder. Keine neben mir hat eine solch enge Beziehung zu meinen Kindern wie ich. Und so ist es überall eingraviert, es gibt immer nur enge Beziehungen. Zweierbeziehungen. Es gibt nicht meine Mütter. Es gibt nur meine Mutter. Natürlich ist die Beziehung dann immer so eng, daß es auch immer ein Loslass-Thema nach sich zieht. Ich kann meine Tochter schwer loslassen wenn ich sie in den Kindergarten gebe. Ich kann schwer loslassen verhindern zu wollen, daß meine Tochter ihre ersten eigenen schmerzhaften Erfahrungen macht. Dieses Konzept kreiert natürlich Helikoptereltern oder überforderte Mütter. Und wenn die Mutter dann selber in irgendeinem Prozess ist, weil sie ja eben auch nur ein Mensch ist, und kein spirituelles Bild, dann ist das Kind sofort ohne Mutter-Halt. Bindungsschwierigkeiten. Natürlich hat man dann Bindungsschwierigkeiten, wenn es auch nur eine solche Bindung gab, die dann ersatzlos wegfällt. Und die Kindergärtnerin ist kein Ersatz. Und der neu hinzukommende Halbpapa auch nicht. Und die neue beste Freundin auch nicht. Eine zweite Mutter wäre es gewesen. Oder eine dritte. Von Beginn an. Aber nein. Der Gedanke scheint absurd, wie soll denn das gehen, es gibt ja nur eine Mutter!

Und ich kann als einzige Mutter nur scheitern in diesem Konzept. Natürlich sehe ich als Mutter auch: was es bräuchte. Daß es jetzt Halt bräuchte. Oder Spiel. Leichtigkeit. Oder Grenzen. Natürlich habe ich dazu ein Gefühl. Auch wenn mal eher und mal später. Aber natürlich spüre ich, was mein Kind eigentlich bräuchte. Aber ich kann nicht alles gut. Ich kann eben manches gut. Grenzen ziehen kann ich gut. Aber spielen kann ich nicht gut. Aber andere können Anderes gut. Geduld hab ich nicht oft. Aber anderen fällt das leicht. Erklären kann ich Dinge gut. Leichtigkeit haben wieder andere viel schneller als ich. Und zusammen wären wir eine wunderbare Mischung aus all dem, was ein Kind braucht. Aber allein. Allein kann ich nur scheitern. Und ich muß zusehen, wie mein Kind nicht bekommt, was ihm zusteht. Wo es doch aber möglich wäre. Wenn sich mein Kind das, was ich nicht habe, von anderen holen kann. Aber um dort hinzugehen, zu einem Mensch, und sich was zu holen, braucht es eine Beziehung. Die gibt es aber nur zu Mama und Papa so eng. Also kommt es zu Mama und Papa. Und ich habe aber gerade keine Geduld. Keine Leichtigkeit. Also komme ich an meine Grenzen. Ein Kolibri von dem ich mir einen weiten, ruhigen Flügelschlag wünsche, der würde sich natürlich alsbald fehlerhaft und gescheitert fühlen. Aber wir kennen nur die Bipolarität. Entweder oder. Entweder Mama bietet Halt. Oder eben nicht. Wenn nicht, dann gibt es keine andere Mama, dann gibt es keinen Halt. Natürlich gibt es noch Papa und die Kindergärtnerin und die Nachbarin. (Zum Glück!). Aber es gibt dann keinen Mama-Halt. In den ersten drei Jahren unseres Lebens bildet sich unser Unterbewusstsein. Unsere nonverbale Wahrheit darüber, wie (selbst-)sicher ich mich ganz grundsätzlich fühle. Und wie frei ich mich also entfalten kann. Unsere Wahrheit darüber, wie ich lande, wenn ich falle. Und just in dieser Zeit gibt es: eine Mama. Und einen Papa. (Im Optimalfall.) Und wenn ich in dieser Zeit also mal falle, weil die Mutter-Energie alle ist. Oder berührungsscheu. Oder freudlos. Dann lande ich hart. Und wenn mir dann etwas später verbal die halbe Welt erzählt, ich könne mich jetzt fallen lassen, bin ich mir doch sicher, ich bin mir bewusst, daß ich hart landen werde. Also halte ich mich fest, sobald etwas Halt verspricht. Und dann sitzen wir beim Therapeuten und reden über die Schwierigkeit Loszulassen. Ach wirklich?

Ich verfluche Dich, Kleinfamilienkonzept!

Corona-Tagebuch 1.2

Geh noch nicht, Corona

Es ist mir eher eine vage Erinnerung, daß es da mal ein Lock-Down gab. Auch wenn meine Tochter erst einen Tag die Woche wieder in die Schule geht. Ich höre kaum noch Radio. Alles ist noch irgendwie in dieser Blase, aber der Sog hat auch die Blase kaum merklich ergriffen, natürlich. Wir brauchen unseren Wachstum, unser Immerweiter, das Müssen, wir brauchen es wie die Luft zum Atmen, anscheinend. Und auch an mich hat es sich wieder drangehangen, ohne daß ich ausmachen könnte wann das geschehen ist. Das Müssen. Es muß ja Miete gezahlt werden. Es muß ja eingekauft werden. Es muß ja auch krankenversichert sein. Es muß ja weitergehen. Es muß ja auch glücklich sein ab und zu. Es muß ja irgendwie für die Grundlage gesorgt werden. Es muß immer irgendwie aus Minus Null gemacht werden, damit man sich ausruhen kann, denn man muß ja am nächsten Tag wieder Müssen. Und der Lock-Down war mir so ein Geschenk. Plötzlich konnte ich atmen. Einfach erst mal atmen. Und dann, ganz heimlich, konnte ich mich ja um die Sachen kümmern, die ich eigentlich machen will. Plötzlich, weil ja auch niemand geguckt hat, konnte ich mir einen Tag einrichten an dem ich eine Idee aus dem Schuhkarton hole und sie in die Welt bringe. Ich konnte sogar noch eine zweite rausholen. Ich konnte nicht müssen. Plötzlich konnte ich kurz einfach glücklich sein und musste gar nicht. Und habe es natürlich nur heimlich gemacht, anfangs, weil die Situation natürlich besorgniserregend war, zumindest für andere, und das wollte ich niemandem absprechen. Aber mir war der Lock-Down ein solcher Balsam für die Seele. Für einen Moment musste das Herz nicht müssen, und es durfte so viel, denn es will ja gar nichts böses. Es durfte sich ausruhen. Einfach ausruhen. Und mit diesem Platz, den es da bekam, mit diesem Raum zum Atmen, entstand so viel Lust zum Handeln. Und ich meine nicht so ein Handeln wie jetzt kipp ich mir als allererstes viereinhalb Whisky hinter die Birne und schlafe jeden Tag bis vierzehn Uhr. Und auch nicht so ein Handeln wie ich unterschreibe jetzt sofort fünfeinhalb Petitionen weil ich meine Grundrechte in Gefahr sehe. Es war so ein Handeln wie: ich fahre an einen See und höre die Bäume atmen. Ich treffe mich mit einem Freund und mach endlich den Song fertig der seit anderthalb Jahren darauf wartet auf Youtube gestellt zu werden. Ich kaufe mit meiner Tochter endlich die Kommode die sie sich so lange wünscht und abends essen wir zu dritt Sushi. Am nächsten Tag bauen wir sie mühsam im Chaos zusammen und ich verfluche Ikea und unsere Billig-Gesellschaft, aber freue mich an der Kommode und der Ruhe die sie herstellt. Ich liege allein in meinem Bett und suche den Ort in mir wo ich ganz ich selber bin. Ich mache Yoga ohne daß ich es mir vorgenommen habe. Ich merke daß ich eigentlich anders wohnen möchte. Ich entdecke neue Musik. Und da ist noch lange keine Struktur, keine Basis des Nicht-Müssens, es ist lediglich Platz, den mein Herz plötzlich geschenkt bekommen hat.

Und vielleicht sollte ich Radio hören. Vielleicht sollte ich mitentscheiden. Mich beteiligen. Aber ich bin eigentlich nur dabei, den Wänden zuzuschauen, die sich wieder verdichten, dem Raum, der wieder kleiner wird um mich. Versuche noch eilig zu entscheiden, welche Dinge es unbedingt zu behalten lohnt. Ich muß jetzt mal irgendwie wieder arbeiten. Dringend. Mai ist die Miete gezahlt. Für Juni weiß ich noch nicht ganz wie und wovon. Juli weiß ich noch gar nicht. And don’t ask me about the Sommerferien. Ich sehe nicht mehr sehr weit, der Nebel hat sich wieder verdichtet. Ach Corona denke ich, geh noch nicht. Lass mir noch ein wenig Zeit. Lass mir noch ein wenig dieser Ruhe, die meinen vielen Gedanken so viel Platz geschenkt hat und mein Herz so weit gemacht hat. Jetzt muss ich sogar wieder meditieren, wenn ich nicht wieder aufgesogen werden will, vom Strudel, und mir dann doch Donnerstag Abend noch dreieinhalb Whisky eingieße weil es den Moment so anhält. Ach Corona. Dein Lock-Down hat mir so viel leise, warme Ruhe geschenkt, die so viel frei gemacht hat in mir.

Corona-Tagebuch 1.1

Perspektiven-Test

Es sind seltsame Zeiten das. Also die Zeit selbst scheint auch auf eine eigene Art zu vergehen. Ich kann nicht sagen ob die Tage rennen oder schleichen. Ich kann auch schwer sagen, wie es mir geht. Und dann: werde ich krank. Man kann überhaupt nicht normal krank werden in diesen Zeiten. Ich habe tatsächlich: Fieber und Husten. Keinen Schnupfen. Bestialische Kopfschmerzen. Habe sonst nie Kopfschmerzen. Und plötzlich bin ich irgendwie… isoliert. Und gleichzeitig will ich gern isoliert sein. Eigentlich will ich im Bett liegen und liegen und liegen und atmen und Musik hören und Tee trinken und schlafen, unendlich viel schlafen. Aber ich kann nicht so richtig schlafen. Ich kann mich auch nicht so richtig entscheiden. Ob ich ruhen will. Oder der Krankheit den Abwehrkräfte-Kampf ansagen, mit tonnenweise Knoblauch und Hollundersuppe. Und Aktionismus. Ich hatte Pläne. Hatte Termine. Und nun bin ich krank also steht Corona im Raum wie ein Problem was erst geklärt werden muß, bevor irgendwie wieder zur Tagesordnung übergegangen werden kann. Ich hätte mich auch einfach 14 Tage in selbstgewählte Quarantäne setzen können, krankschreiben lassen, und die Krankheit durchlaufen. Danach wäre alles so seltsam verrückt langsamschnell weiter gegangen wie die ganze Zeit. Aber ich möchte diese Termine wahrnehmen. Also:

Mache ich einen Test. Ich bekomme einen Test. Ich bitte sehr darum. Ich glaube mein Arzt meint es gut mit mir. Vielleicht auch nicht. Aber normalerweise erfülle ich nicht alle Kriterien für einen Test. Aber ich muss es für diese Termine ausschließen können sage ich, und das stimmt ja auch. Und dann, plötzlich, ist so viel anders. Wenn ich einen Test mache. Noch bevor ich das Ergebnis habe wird alles anders. Man kann es in den Köpfen sehen, meinem nicht ausgeschlossen, man kann den Perspektivwechsel beobachten wie man das Bewegungsmuster einer Geruchswolke in einer U-Bahn anhand der Gesichtern der Menschen erkennen könnte. Ich habe ja das Ergebnis noch nicht. Nur die Tatsache, daß ich die Frage stelle, ob ich möglicherweise Corona habe, nur die, verschiebt still und deutlich zugleich die Perspektiven. Die Handlungen. Die Scherze. Die Entfernungen. Die Geschwindigkeiten. Beim Arzt komme ich sofort an die Reihe, im Hinterhof werde ich empfangen, ich habe keine Minute gewartet, werde mit größtmöglichem Abstand gründlich, sachlich und rasant schnell getestet. Stäbchen wieder ins Röhrchen, ich brauche noch eine Krankschreibung, bitte am Fenster vorne abholen. Ich gehe mit Mundschutz zum Bäcker. Ich will dort auf keinen Fall in diesen Laden husten. Dieser Mundschutz. Die Menschen sehen ja gar nicht ob ich lächle. Und ich lächle doch eigentlich oft und gerne beim Einkaufen, das macht alles etwas leichter. Abstand. Sorge? Distanz. Mit Fingerspitzen legt sie das Zwei-Euro-Stück auf die Geldschale. Oder bilde ich mir das ein? Wenn ich es mir recht überlege, ich kenn die Bäckerfrau ja gar nicht gut. Sie war auch nicht wirklich unfreundlich. Oder? Eigentlich hat sie all meine Fragen anständig beantwortet. Ich weiß es nicht. Wer weiß das alles schon. Mein Nachbar schenkt mir sein Feuerzeug nachdem ich es in der Hand hatte. Immer wieder muß ich an dieses Doppelspaltexperiment denken. Ich meine keiner ist wirklich anders zu mir. So richtig. Immens. Niemand. Nur diese Subtilität. Diese Feinheit. Feinstofflichkeit. Wirklich kaum wahrnehmbar. Und mehr noch: So schwer wahrnehmbar, daß ich nicht sagen könnte, ob ich es mir selbst einbilde. Ob erst ich es erschaffe. Oder ob die Bäckerfrau dann erst unfreundlich wird, weil ich sie so skeptisch ansehe, mit einem ganz zarten Hauch Beleidigtsein, durch die Augen, hinter der Atemmaske. Wer weiß das alles schon. Die Lichtteilchen verhalten sich anders, nur deshalb, weil gefragt wird, wie sie sich wohl verhalten. Fragen sind Räume, Erfahrungsräume. Morgen um zehn kommt das Ergebnis. Vielleicht ist die entscheidendere Frage: Habe ich heute schon mal eine Weile in Ruhe geatmet?

Corona-Tagebuch 1.0

Es ist 6:20 Uhr und ich sitze in der Küche, die ich so gelassen habe wie sie ist, erstmal. Sonst hätte ich abgewaschen bis das erste Kind wach wird. „Ich wasch nur noch schnell das Becken frei“ hätte ich mir gesagt und „dann setz ich mich hin und trink nen Cafe und schreib‘ was.“ Never hätte das funktioniert. Ich kenn mich. Ich lerne mich kennen.

Eine Freundin hat mir einen Eintrag von ihr auf irgend einem Blog geschickt. Ich weiß gar nicht mehr was das genau für ein Blog war, sie hat es mir geschickt, also bin ich dem link gefolgt. Ich bin eine Raben-Bloggerin. Der Alltag in verschiedenen Ländern in den Zeiten von Corona. Eine Frau mit drei Kindern schreibt aus den USA. Meine Freundin schreibt aus Italien. Noch immer, trotz dem, was sie auch über Norditalien schreibt, halte ich Corona nicht für eine Krankheit, gegen die ich mich unter normalen Umständen impfen würde, noch immer kann ich mir nicht helfen und halte Corona im Stillen für eine fiese Grippe, die ich nicht kriegen möchte, wegen der ich aber niemals mit Mundschutz und Handschuhen zum Bewerbungsgespräch gehen würde. Und noch immer bin ich gleichwohl genauso still und sehr sehr heimlich so froh, daß die Welt gerade so sehr inne hält. Sie hält ja nicht mal wirklich inne, es hat nur jemand kurz am Temporegler gedreht, ganz bisschen nur. Ich werde sicher nicht herumlaufen und die Leute von irgendetwas überzeugen wollen. Außerdem wer bin ich das zu tun. Mich stört der Mundschutz nicht, und die zwei Meter Abstand, zumal dieser Abstand sogar noch irgendwie was mit Solidarität statt mit Ekel zu tun hat. Viele wollen Corona gar nicht unbedingt vermeiden zu bekommen, sie wollen nur nicht diejenigen sein, die andere angesteckt haben. Eine andere Freundin meinte letztens, daß jedes System, was Angst hat, beginnt, anders zu atmen. Ich möchte nicht in Krankenhäusern arbeiten derzeit. Und ich bewunder sie. Alle. Die Feuerwehrmänner des elften Septembers sind die Krankenschwestern und Nettomitarbeiterinnen dieser Coronakrise. Bei uns vor der Filiale um die Ecke steht mit Kreide vor den Fahrradständern auf den Fußboden geschrieben: „Danke liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Bleibt Gesund!“.

Gott was für ein Glück habe ich derzeit in diesem Land zu leben. Das sage ich. Die ich sonst so gründlich angewidert bin von dieser aberdeutschen Emotionslosigkeit. Aber ich werde irgendwie über die Runden kommen. Hier in Deutschland. Es ist knapp, aber ich werde über die Runden kommen. Hier war zuerst das Klopapier alle, nicht die Waffen. Und auch nicht der Wein. Was soll hier passieren wenn mal einer durchdreht irgendwann?

Es ist eine Krise und Menschen geraten an ihr Limit. Ich möchte das niemals beschönigen. Ich bin wahrscheinlich einfach zu Zeiten vor der Krise, zu Zeiten von jetzt-gib-der-Tante-die-Hand-und-iss-dein-Amazon-prime-Schnitzel immer wieder an mein Limit geraten und habe deshalb derzeit das Gefühl, zum ersten Mal seit langem in einem Land wie diesem atmen zu können. Und dankbar zu sein. Ich bin es leise. Es ist 6:52 Uhr. Am liebsten würde ich eine rauchen. Wenn es nur nicht so eklig wäre. Aber ich werde mich vielleicht einfach ans Fenster stellen und der Stille lauschen. Um sieben. In Deutschland. In einer Zeit, in der es ein Virus geschafft hat, nahezu jeden Menschen auf dieser Welt zur gleichen Zeit wenigstens ein klein wenig zu tangieren. Oder? Irre ich mich? Zumindest tangiert es doch recht viele zur gleichen Zeit. Vielleicht ähnlich viele, wie sonst zur gleichen Zeit diesen Planet so runterrocken.

Die Liebe in Zeiten von Corona

Ich vermute die Liebe macht gar nicht viel anders als sonst, in diesen Zeiten. Sie hat einfach ein bisschen mehr Platz. Was soll sie schon machen, in diesen Zeiten? Wenn ich mich verliebt habe, im März des Jahres 2020, wird das dann für immer die Corona-Liebe sein? Dann werde ich vielleicht im Jahr 2041 immer noch wissen, wann ich nicht nach Schweden gefahren bin und meine Kissen nassgeweint habe. Dann werde ich sagen: ach, das war das Jahr in dem die erste Coronakrise kam. Das muß also 2020 gewesen sein. Abgefahren, das alles, oder nicht? Es fällt mir schwer über die Liebe etwas zu sagen, in diesen Zeiten. Wo sie doch genauso… waltet. Und wirkt. Und irritiert. Und wärmt, bisweilen. Die Liebe meine ich. Na und vielleicht ein wenig auch die Coronakrise 🙂

Montagsbrötchen

Und dann ist man einfach mal zu Hause. Ich rauche ein wenig. Aber kiffe nicht. Und dann ist einfach ein Tag leer. Ich habe zwei Fattigauer gekauft. Aber sie noch nicht geöffnet. Dann ist da plötzlich nichts weiter. Aber eben nicht nichts. Heute keine Arbeit. Und auch keine Not. Es gibt nicht mal einen ewig langen unerledigten To-Do-Zettel. Ich sehe mir ein paar Corona-Videos und einen Trailer an. Aber dann mach ich Youtube wieder aus. Ich habe kein Corona. Keiner hier. Es ist März Zweitausendzwanzig. Und heute ist da plötzlich gar nichts. Aber es war gar nicht so plötzlich. Es ist einfach Dienstag. Die Kinder sind bei Oma. Und ich versuche, mir zu erlauben, daß einfach nichts besonderes ist. Keine Krise. Keine Arbeit. Keine Euphorie. Keine Pläne. Keine Konjunktive. Daß hier grad einfach Leben stattfindet was ruhig ist. Ich habe nicht mal Lust irgendwas Besonderes zu tun. Meiner Oma einen Brief schreiben. Ein Video aufnehmen. Ein Lied schreiben. Es ist einfach sehr still. Und ich finde das sollte hin und wieder so sein. Gestern früh habe ich Sonntagsbrötchen gemacht. An einem ganz normalen Arbeitstag. Und ich höre Richard Dorfmeister und finde Sonntagsbrötchen machen subtil den Montag düster. Ich werde mich hinlegen und ein wenig meinem Atem lauschen.

Wenn Du willst, daß etwas schnell vorüber geht, dann sorge dafür, daß es Spaß macht

„Weißt Du was ich echt oft höre, wenn ich zu Leuten sage, daß Rauchen tödlich ist, weißt Du was die dann echt, echt oft sagen, also echt dauernd?“ sagt meine elfjährige Tochter während sie sich vorm Spiegel einen Zopf flechtet. „sie sagen ‚das ganze Leben ist tödlich‘ „. Und rollt mit den Augen. Und echte Nachdenklichkeit in ihren Augen. „Das sagen sie??“ frage ich? Und merke aber, daß meine Tochter über noch etwas anderes verärgert ist. „Na also das stimmt ja auch irgendwie. Ich weiß schon, daß das ganze Leben tödlich ist.“ Und während ihre Finger sich immer wieder dreifach ineinanderbewegen kann ich an ihren nicht vorhandenen Stirnfalten sehen, wie sie sichtlich immer noch diesem Logikalgorhytmus auf die Schliche zu kommen versucht. Was für eine komische Welt denke ich. Wir sagen immer Kinder sind so weise und klug und all sowas. Bei jeder Zigarette bei der meine Tochter sagt: Mammaaa, rauchen ist schädlich!! Hat sie einfach recht. Fertig. Da kann ich mich auch einfach mal hinstellen und mit der Wahrheit konfrontieren. Und irgendwie ne Entscheidung treffen. Verrückte Welt das alles denk ich. Kennen Sie diesen Hinweis auf Teepackungen, wo steht: „Immer mit kochend heißem Wasser übergießen, und mindestens 5 Minuten ziehen lassen. Nur so erhalten Sie ein sicheres Lebensmittel“? Und um den Satz nachzusehen, sehe ich, daß Leute in irgend einem Forum www.hast-du-dich-mal-gefragt-wo-mutti-letztens-war.de, dann fragen, zu Recht, aber eben so besorgt: oh, muß ich mir Sorgen machen? Was könnte denn da „unsicheres“ im Tee sein? Und ich denk mir nur so: HÄÄ? Was zur Hölle machen die denn da in den Tee rein??? Ich meine … TEEEEE!!! Also ja ja ich weiß daß eigentlich nur die zweieinhalb Pflanzen wirklich Tee heißen und das andere heißt Aufgußgetränk oder so, aber ich meine wie beim Salat sag ich jetzt einfach mal Tee. Ich meine TEEE??!!! Was zur Hölle macht ihr da rein, daß ich das abkochen und fünf Minuten warten muß!!?? Dann geht doch lieber raus, pflückt Euch paar Brennnesseln und schüttet da kochend Wasser drüber. Herrgott. Verrückte Welt. Eine verrückte Welt denke ich. Und ja ja. Ich brauche Kaffee halt. Wir brauchen das halt. Also ohne Kaffee morgens, bin ich echt nicht zu gebrauchen. Das sind so Geschichten die wir uns erzählen. Daß wir etwas mögen, und dieses Mögen eben einfach so ist, wir mögen es halt dunkel. Oder hell. Das mögen wir halt. Bevor ich Mutter war hab ich das auch noch gedacht. Daß meine Vorlieben und mein Mögen halt so gesetzte Dinge sind, ein sich meinem Willen völlig entziehendes Persönlichkeitsphänomen. Ich kann schließlich nicht entscheiden, was ich mag und was nicht. Hab ich lange gedacht. Klingt auch logisch. Kann vielleicht sogar sein! Keine Ahnung. Ich weiß nur, als Mutter lernst du irgendwann, daß es schneller geht, wenn Du Dich entscheidest einfach zu mögen was Du tust. Oder tun mußt. Oder daß Du es jetzt einfach für diesen Moment magst. Du entscheidest Dich einfach, es so zu betrachten, wie Du es betrachtest wenn Du es magst. Weil es dann einfach reibungsloser geht. Freu Dich auf’s ins-Bringen-bringen und sie schlafen sofort ein. Hab kein Bock auf ins Bett bringen und es dauert eeeewig. Ts. Das ganze Leben ist tödlich. Schon klar. Dann leb aber auch, als hättest Du vorm Leben keine Angst mehr. Verrückte Welt das…