Corona-Tagebuch 1.1

Perspektiven-Test

Es sind seltsame Zeiten das. Also die Zeit selbst scheint auch auf eine eigene Art zu vergehen. Ich kann nicht sagen ob die Tage rennen oder schleichen. Ich kann auch schwer sagen, wie es mir geht. Und dann: werde ich krank. Man kann überhaupt nicht normal krank werden in diesen Zeiten. Ich habe tatsächlich: Fieber und Husten. Keinen Schnupfen. Bestialische Kopfschmerzen. Habe sonst nie Kopfschmerzen. Und plötzlich bin ich irgendwie… isoliert. Und gleichzeitig will ich gern isoliert sein. Eigentlich will ich im Bett liegen und liegen und liegen und atmen und Musik hören und Tee trinken und schlafen, unendlich viel schlafen. Aber ich kann nicht so richtig schlafen. Ich kann mich auch nicht so richtig entscheiden. Ob ich ruhen will. Oder der Krankheit den Abwehrkräfte-Kampf ansagen, mit tonnenweise Knoblauch und Hollundersuppe. Und Aktionismus. Ich hatte Pläne. Hatte Termine. Und nun bin ich krank also steht Corona im Raum wie ein Problem was erst geklärt werden muß, bevor irgendwie wieder zur Tagesordnung übergegangen werden kann. Ich hätte mich auch einfach 14 Tage in selbstgewählte Quarantäne setzen können, krankschreiben lassen, und die Krankheit durchlaufen. Danach wäre alles so seltsam verrückt langsamschnell weiter gegangen wie die ganze Zeit. Aber ich möchte diese Termine wahrnehmen. Also:

Mache ich einen Test. Ich bekomme einen Test. Ich bitte sehr darum. Ich glaube mein Arzt meint es gut mit mir. Vielleicht auch nicht. Aber normalerweise erfülle ich nicht alle Kriterien für einen Test. Aber ich muss es für diese Termine ausschließen können sage ich, und das stimmt ja auch. Und dann, plötzlich, ist so viel anders. Wenn ich einen Test mache. Noch bevor ich das Ergebnis habe wird alles anders. Man kann es in den Köpfen sehen, meinem nicht ausgeschlossen, man kann den Perspektivwechsel beobachten wie man das Bewegungsmuster einer Geruchswolke in einer U-Bahn anhand der Gesichtern der Menschen erkennen könnte. Ich habe ja das Ergebnis noch nicht. Nur die Tatsache, daß ich die Frage stelle, ob ich möglicherweise Corona habe, nur die, verschiebt still und deutlich zugleich die Perspektiven. Die Handlungen. Die Scherze. Die Entfernungen. Die Geschwindigkeiten. Beim Arzt komme ich sofort an die Reihe, im Hinterhof werde ich empfangen, ich habe keine Minute gewartet, werde mit größtmöglichem Abstand gründlich, sachlich und rasant schnell getestet. Stäbchen wieder ins Röhrchen, ich brauche noch eine Krankschreibung, bitte am Fenster vorne abholen. Ich gehe mit Mundschutz zum Bäcker. Ich will dort auf keinen Fall in diesen Laden husten. Dieser Mundschutz. Die Menschen sehen ja gar nicht ob ich lächle. Und ich lächle doch eigentlich oft und gerne beim Einkaufen, das macht alles etwas leichter. Abstand. Sorge? Distanz. Mit Fingerspitzen legt sie das Zwei-Euro-Stück auf die Geldschale. Oder bilde ich mir das ein? Wenn ich es mir recht überlege, ich kenn die Bäckerfrau ja gar nicht gut. Sie war auch nicht wirklich unfreundlich. Oder? Eigentlich hat sie all meine Fragen anständig beantwortet. Ich weiß es nicht. Wer weiß das alles schon. Mein Nachbar schenkt mir sein Feuerzeug nachdem ich es in der Hand hatte. Immer wieder muß ich an dieses Doppelspaltexperiment denken. Ich meine keiner ist wirklich anders zu mir. So richtig. Immens. Niemand. Nur diese Subtilität. Diese Feinheit. Feinstofflichkeit. Wirklich kaum wahrnehmbar. Und mehr noch: So schwer wahrnehmbar, daß ich nicht sagen könnte, ob ich es mir selbst einbilde. Ob erst ich es erschaffe. Oder ob die Bäckerfrau dann erst unfreundlich wird, weil ich sie so skeptisch ansehe, mit einem ganz zarten Hauch Beleidigtsein, durch die Augen, hinter der Atemmaske. Wer weiß das alles schon. Die Lichtteilchen verhalten sich anders, nur deshalb, weil gefragt wird, wie sie sich wohl verhalten. Fragen sind Räume, sagte mal ein Lehrer von mir. Erfahrungsräume. Morgen um zehn kommt das Ergebnis. Vielleicht ist die entscheidendere Frage: Habe ich heute schon mal eine Weile in Ruhe geatmet?

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