Corona-Tagebuch 2.0

Zwei Punkt Null. Corona ist in Deutschland etwa zehn Monate alt. In Großbritannien gibt es ein Ministerium für Einsamkeit. Corona hat mir Nils Koppbruch gebracht. Ich werde diese Musik in zehn oder zwanzig Jahren hören und die Gefühle und all die Gedanken dieser Zeit werden mit jeder Note leise in meinen Zellen vibrieren als wäre es immer noch 2021 und ich werde doch wissen, daß es lange her ist. Nils Koppbruch lebt nicht mehr. Er bekommt von alle dem nichts mit und ich bin einsam. Ich sitze zwischen den Stühlen. Wir suchen immer ein Die-da! Wir suchen einen Schuldigen, es ist so viel einfacher damit. Wir suchen einen, wegen dem das alles so ist. Wegen denen da. (Deretwegen.) Weil die das alle so machen. Und ich fühle mich ein bisschen wie das kleine Kind, was ich war, als meine Eltern aufhörten sich zu lieben. Oder wie die junge Erwachsene die ich war, als ich ein paar Mal versucht habe, eine Party zu schmeißen und meine Freunde so separiert in der Wohnung rumstanden und miteinander nichts anzufangen wussten und ich all die Funken, die nicht überspringen wollten in mir aufsammelte und aufgeheizt und einsam zwischen den Menschen umherlief. Ich möchte Lieder schreiben für all die Herzen aber finde keine. Dieses Virus macht mich pessimistisch. Das nervt mich. Vielleicht verlieren wir das große Spiel ja doch irgendwann. Naja. Vielleicht muß ich auch verlieren lernen. Robert hat gesagt, der Homo Sapiens steckt einfach mitten in der Pubertät. Und oh ich finde das erklärt so einiges. Wir haben vor ein paar Hundert Jahren begonnen, unser Potential zu entdecken, und jetzt schießen wir überall über’s Ziel hinaus. Wie ein hormonüberfüllter Teenager probiert der Mensch sich aus und testet seine Kräfte, und mit seiner Kraft ist er in der Lage Erstaunliches zu tun. Aber ungeübt und übermütig wie er ist brennt er aus Versehen fast sein Haus nieder. Und ist am einen Tag absolut überzeugt von einer Wahrheit, die er am nächsten Tag durch die nächste, ebenso unumstößliche ablöst. Und er merkt’s halt selber leider nicht. Und zwischendurch ist er plötzlich dann so jung und verletzlich und schüchtern und will seinen Kopf nur auf irgend einen Schoß legen. Und dann gibt er sich selbst an allem die Schuld und hasst sich und weiß doch nichts von Demut. Recht haben wollen wir. Hauptsache Recht haben. Und wenn eine andere etwas anderes sagt dann bleiben wir stumm und im Stillen lästern wir und urteilen. Was ist das für ein Blick, den wir uns da heimlich zulegen? “Gehört er zu den Corona-Gegnern? Oder zu den Corona-Gläubigen?” Die Augen hinter den Augen zu Schlitzen verengt. Jede glaubt von sich die Wahrheit zu kennen, was maßen wir uns an? Abgesehen davon, daß ich schon immer eine Größenordnung von achtzig Millionen Menschen exorbitant zu groß finde, um irgendwelche sinnvollen Entscheidungen treffen zu können, möchte ich trotzdem nicht auf dem Posten sitzen müssen, der dann, wenn so eine Krankheit anrollt, auf die sich Milliarden von Kameras richten, irgendwelche Entscheidungen treffen muß. Natürlich sind da Entscheidungen dabei, die Nachteile haben. Logisch! Und natürlich sind die Menschen auf diesen Posten immer noch Menschen. Es sind immer noch Menschen, die müde sind nach zu wenig Schlaf, die sich selbst belügen, die dazu lernen, die Angst haben, die Sex haben oder Nähe vermissen, es sind verdammt nochmal keine Maschinen. Und diese Menschen haben auch sicher besseres zu tun gehabt, als sich zu treffen und sich zu überlegen, wie sie jetzt am besten einen großen, gut durchdachten Komplott spinnen können, um endlich den Einzelhandel zu zerstören, ein Genom zu verändern und die Pharmaindustrie reich zu machen. Die haben auch einfach nur Entscheidungen getroffen. Und natürlich treffen sie Entscheidungen aus einem Wesen heraus, was in einem System groß geworden ist, in dem es um Recht haben geht und um Wachstum und in dem man niemals Fehler machen darf und wenn doch stellt man sie hinterher als die einzig mögliche Handlung dar. Ich glaube nicht an eine große Strippenzieherin. Aber ich glaube an unendlich viele Strippen, die alle miteinander verflochten sind. Und ich glaube es mangelt an Mut und an (Selbst-)Empathie. Es mangelt an Mut, in einer großen Betriebsversammlung zu sagen, wartet mal, das fühlt sich nicht richtig an. Natürlich gibt es Menschen, die an einem einzigen Tag unfassbar weitreichende Entscheidungen treffen können. Aber diese Menschen stehen auch jeden Tag auf und begrüßen Menschen die lächeln auch wenn sie nicht wollen, sie gehen an einem Pförtner vorbei der meint er müsse ja auch von irgendwas die Miete zahlen, sie haben Sekretäre die nicht widersprechen, sie unterschreiben Verträge die jemand aufgesetzt hat und kriegen Kaffee gereicht von Menschen die meinen das müsse so sein. Ich glaube nicht, daß sich irgendjemand die Mühe gemacht hat, sich gegen mich zu verschwören. Aber ich glaube daß Menschen auf sehr groben Unfug schwören. Ich glaube auch nicht, daß es Menschen gibt, die mich zwingen wollen, mich impfen zu lassen. Aber ich glaube, daß es Menschen gibt, die Gesundheit sehr unkomplex betrachten und als die pubertierenden, linear denkenden Homo Sapiens die sie sind, der Schulmedizin die alleinige Kampfmacht zuschreiben gegen etwas, was sie als gefährlich betrachten. Und wer könnte sich anmaßen, zu definieren, was “gefährlich” ist, und was nicht? Ich kann es nicht.

Und so entfernen sich Menschen von meinem Herz, die ich doch eigentlich sehr gerne mag. Oder ich entferne mich von ihnen, weil ich nicht die richtigen Worte finde. Ich weiß es nicht. Aber ich fühle mich einsam unter Menschen die da so etwas wittern, im System, was ich nicht wittere. Und die plötzlich gegen die GEZ Gebühren sind, und ich hab irgendwie gar nicht mitgekriegt, was das mit Corona zu tun hat. Ich weiß bis heute immer noch nicht, wie ich diese Gebühren finde. Aber ich bin so froh über arte. Und ich mag den Deutschlandfunk sehr. Und wenn wir schon in Größenordnungen von achtzig Millionen Menschen denken müssen, dann finde ich es auch akzeptabel, daß wir dann alle Geld in einen Topf hauen um Leute zu bezahlen, die nicht für Danone oder Pro7 Informationen einholen. Und naja, logischerweise sind auch diese Menschen, die aus diesem Topf bezahlt werden, wieder Menschen, und keine Maschinen. Und auch die haben eine Wahrheit und sind manchmal wütend und auch die klicken bei manchen Überschriften schneller als bei anderen. Auch dort gibt es Strippen, herrje.

Und wie die junge Erwachsene die eine Party schmeißen wollte, und mir also bei den einen Freunden irgendwie das Herz zugegangen ist, geh ich dann rüber zu den andern, und die schimpfen plötzlich genauso. Und ich krieg’ ‘nen Schreck und fühl mich noch ein Stück einsamer. Und bin irritiert. Ich glaube vor allem bin ich irritiert. Nichts, was so flächendeckend in Deutschland entschieden wurde haben wir früher kritiklos hingenommen. Und jetzt habe ich das Gefühl nehmen wir es deshalb so schnell wie möglich kritiklos hin, nur aus dem Grund, weil wir die, die Kritik üben, nicht leiden können. Und selbst das verstehe ich irgendwie. Ein Stück weit. Aber wenn die Afd jetzt sagt, sie möchte den Einzelhandel stärken, dann denke ich, oh je, jetzt muß ich mich mit denen auseinandersetzen, muß irgendwie tiefer gehen, um zu begründen warum ich die Afd nicht mag, aber ich denke doch nicht: nee, wenn man’s genau betrachtet ist der Einzelhandel mir doch nicht so wichtig. Da ist mir doch der Inhalt, für den ich kämpfe, irgendwie heiliger. Und ja, es nervt, wenn ein Idiot Sachen sagt, die ich auch sage, aber dann muß ich halt mal bisschen differenzierter werden. Oder nicht? Und vielleicht ist auch mein Problem, daß ich als Hippie die ich bin, eben auch ein bisschen Spiritualität in mein Leben lasse. In jedem Fall. (Und daß Esoterik da eben auch mit reinfällt.) Aber da weiß ich doch irgendwie auch zu differenzieren. Und da lerne ich doch auch noch dazu. Da können wir doch irgendwie mal gucken was wir richtig finden und was falsch. Da müssen wir halt nur mal aufhören, immer gleich Recht haben zu wollen.

Herrje, ich werde dann immer ein bisschen wütend. Ich also auch. Diese ganze Corona Geschichte kriecht uns allen in die Glieder. Vielleicht können wir uns darauf einigen. Und auch ich möchte ja Recht haben. Wenn es nach mir geht möchte ich weniger einsam sein. Aber ich bin nicht einsam, weil ich meine Freunde nicht treffe oder weil ich nicht auf Party gehen kann. Ich muß gestehen, so als Mutter die im Lebensmittelhandel arbeitet um die Miete zu zahlen und versucht ihre Kunst endlich in die Welt zu bringen, für die hat sich gar nicht so viel geändert. Nur daß jetzt die kleine Tochter, wenn ich nicht arbeite, mit mir in der Küche sitzt und leben will, und ich die große dazu bringen muß, Bruchrechnung zu machen und Physik zu verstehen. Auf Party bin ich schon lange nicht mehr gegangen, und die Zeit die für Kunst und für Freunde bleibt ist mit Abstand immer noch die seltenste und schönste. Und ich glaube einsam war ich auch vorher, nur merke ich es jetzt durch Corona etwas mehr. Weil noch eine Sache mehr hinzukommt, bei der ich wieder zwischen den Stühlen sitze.

Vielleicht sollte ich auch ein Ministerium gründen. Auf alle Fälle würde es dort ein Radio geben, aus dem Nils Koppbruch singt.

Ankommen

.

Von einer weiten Reise

groß, und doch sehr leise

voll, und doch ganz still

von der ich an einem neuen alten Hafen landen will.

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Wild, und doch gehalten

jung, und doch mit Falten

stumm, und innen laut

mit einem neuen Ich, das sich zu schweigen traut.

.

Langsam trifft Entscheidung

Wärme kennt die Reibung

Ein Morgen folgt dem jetzt

Weil sich mein einer Fuß sanft vor den andern setzt.

Wunder, …

Ich sitze in meiner Küche und möchte von diesen zwei kleinen Wundern erzählen, die es ja irgendwie waren, letzte Woche. Ich tu mich schwer. Lösche, schreibe, lösche schreibe. Im Radio Religion und Gesellschaft. Ob es überhaupt zusammenhängt ich weiß es nicht, aber Montag verliere ich mein Portmonnaie. Das ist mir seit sechs Jahren nicht passiert. Ich bin ja verpeilt, ich weiß das, aber warum schaffe ich es dann sechs Jahre mit dem gleichen Portmonnaie? Montag aber dann, bin ich im Baumarkt, ich fahre mit dem Auto in den Drive-in und bin also im Baumarktgelände. Und bezahle zwei Bretter, mit meiner EC Karte, aus diesem Portmonnaie, und dann hiefe ich die Bretter ins Auto und dabei rechnet mein Kopf und ich merke ich brauche eigentlich noch ein Brett mehr. Also geh ich wieder rein, nehme noch ein Brett, will bezahlen. Und finde mein Portmonnaie nicht. Nirgends. Dann suche ich, Kasse, Auto, Zuschnitt, Nochmal Kasse, nochmal Auto, unter Regalen, nochmal und noch einmal alles ablaufen. Irgendwann gebe ich auf. Fahre nach Hause. Sperre meine EC-Karte. Bin genervt. Bin entkräftet. Ausweis, Führerschein, Selgros-Karte, Teilauto-Karte, drei AOK-Karten, VG-Ausweis, EC-Karte, alles war da drin. Nur Geld nicht. Das zweite Rezept meiner Kurzzeittherapie ist fast aufgebraucht. Ich bin unzufrieden, hab so wenig erreicht, ärger mich über mich selbst. Irgendwann, abends, ich fahr nochmal in den Baumarkt, um das dritte Brett zu kaufen, mit geliehenem Geld. Auf dem Weg schicke ich ein Gebet… irgendwo hin. Laut. Im Auto. Ich sage: “liebe Kräfte, lieber Gott, liebe Göttin, liebe Wesen, liebes Gefüge. Hier spricht Martha Barbara Dorothea Laux. Sollte sich mein Portmonnaie in den nächsten Tagen irgendwie wieder auffinden, und da noch das Meiste drin sein, dann verspreche ich, daß ich bis zum Ende des Februars, außer in der letzten Dezemberwoche, einmal pro Woche in meinen Proberaum gehe. Dies ist ein heiliges Versprechen!” Und laut, froh darüber, daß mich niemand hören kann, rufe ich: “Ahoo!!”. Besiegle meinen Schwur. Und dann ist es auch irgendwie gut. Ich frage mich was ich daraus lernen kann. Portmonnaie verschwunden. David sagt ich soll mal nicht im Selbstmitleid versinken jetzt. Nils schreibt, keinen Meter Resignation. Wir kriegen das alles hin. Und David schmunzelt über meinen Schwur und fragt mich, warum ich nicht einfach so einmal die Woche in den Proberaum gehe. Na also. Recht haben sie. Ich sollte mal wieder auf die Beine kommen. Ich werde meinen Kopfdoktor fragen ob ich noch weiter machen kann. Dann diese ganzen Karten neu machen. Nun ja.

Am nächsten Tag gehe ich in den Proberaum und räume auf. Mittwoch muß ich arbeiten. Ich verschiebe den Gedanken noch etwas, daß ich wohl zuerst einen neuen Ausweis brauche. Zur Polizei gehen und so. Ewig überall warten. Ich hab so wenig Lust dazu. Donnerstag wieder arbeiten. Dann komme ich nach Hause und bin mit den Gedanken ganz woanders, als ich den Briefkasten öffne. Da ist ein Umschlag. Und da drin ist mein Portmonnaie! Da liegt es. Alles noch drin. Ausweis, Kassenzettel, das kleine Amulett aus Indien im Münzfach, der Dresden-Pass, meine Stempelkarte vom Tinten+Toner Shop, meine zerfledderte Bonuskarte von der Apotheke. Auf den Umschlag hat jemand mit einem Stift, der scheinbar beim Schreiben den Geist aufgegeben hat, “Frau Laucks” geschrieben. Und die erste Silbe der Straße auf der ich wohne, und ein Punkt. Sonst nichts. Kein Zettel, kein Gruß. Kein Hinweis. Mein Herz klopft. Ich schreibe eine Nachricht: ‘David!! Ich muß jetzt einmal in der Woche in den Proberaum! Mein Portmonnaie war gerade in meinem Briefkasten!!’. Ich bin durcheinander. Ich bin so erleichtert. Und so dankbar. Und still. Und mein Herz klopft. Die ganze Zeit. Ich habe schon so viele Strategien gefahren meinen Schweinehund zu überwinden. Er hat immer schärfere Zähne. Und ich verrate es niemandem, aber das hier fühlt sich ein bisschen anders an. Es ist mir so gleichgültig ob das alles Zufall ist. Und vor allem bin ich diesem Mensch dankbar, der bis zu mir gegangen ist und mir das Portmonnaie in meinen Briefkasten gesteckt hat. Aber trotzdem, die ganze Zeit seit dem, bin ich durcheinander. Da liegt so eine leise Magie in meinem Herzen, von der ich kaum jemandem erzähle. Die einfach mir gehört. Ein kleines Wunder, was sich aber keinem einzigen physikalischen Gesetz widersetzt. Warum auch? Ein Wunder kann sich doch mit Physik bestens vertragen! Und so gehe ich durch den Donnerstag. Schwebe eher ein bisschen. Heimlich. Und durch den Freitag auch noch. Freitag gebe ich die Kinder zu meinem Vater. Habe frei. Gehe arbeiten. Erledige den halbjährigen anfallenden Schulputz der dummerweise genau auf mein freies Wochenende fällt. Naja. Ich putze. Bringe den Schlüssel zurück. Fahre zu David in die Werkstatt. Trinke zwei Bier. Kein Whisky. Rauche ein wenig. Von allem nicht zu viel. Es geht mir gut. Halb drei bin ich im Bett, oder um drei. Ich kann ausschlafen. Samstag morgen um neun werde ich von irgendwas wach, gehe aufs Klo, lege mich nochmal hin. Gegen eins klingelt es an der Tür. Ich bin noch ohne Hose, nur ein langärmliger Pulli, meine Haare kreuz und quer, ich öffne die Tür einen Spalt breit, bin verpeilt. Eine Frau steht vor meiner Tür. “Bin ich da bei Laux richtig?” fragt sie. Ich bejahe ihre Frage. Verstehe noch nicht viel. Die Frau murmelt, daß es schwer gewesen sei mich zu finden und drückt mir einen Umschlag in die Hand. “Das soll ich für Sie abgeben” sagt sie und ist sichtlich bemüht zu gehen, ohne dabei unhöflich zu sein. Sie wünscht mir mehrmals eine schöne Adventszeit. Geht, so schnell wie es möglich ist ohne dabei unhöflich zu sein. “Eine schöne Adventszeit!” sagt sie noch einmal. Ich, ich stammel herum. Auf dem Umschlag steht “Frau Laux”. Ich denke sofort an das Portmonnaie, weiß aber gar nicht warum. Der Umschlag geht leicht zu öffnen, und halb bin ich damit beschäftigt, zu verstehen was in dem Umschlag ist, halb versuche ich, die Frau irgendwie noch zu einer Antwort oder irgendeiner Kommunikation zu bewegen. Und ich bin müde. Und mein Hirn will ja immer erst verstehen, deswegen schaffe ich es weder zu lächeln noch mich irgendwie zu bedanken. Ich sehe in dem Umschlag fünfzig-Euro-Scheine. Ich verstehe nicht. Ich laufe zum Fenster, versuche die Frau auf der Straße vor meinem Haus noch in irgend ein Auto steigen zu sehen oder auf ein Fahrrad oder um die Ecke laufen, ich will laut “Danke!!” auf die Straße rufen wenn ich sie sehe, aber ich sehe sie nirgends. Weg. Sie muß sich wirklich beeilt haben. Vielleicht ist sie auch in ihr Auto geflüchtet und hat dort erstmal ihren Puls wieder beruhigt. Ich weiß es nicht. Ich habe sie nirgends mehr sehen können. Dann öffne ich den Umschlag ganz. Eine Büroklammer. Daran vier fünfzig-Euro-Scheine. Und ein Blatt Papier. Ein Ausdruck, im Querformat. Umrahmt von vier orangenen Sternen. Blaue Schrift. Ein Schatteneffekt hinter den Buchstaben wie ich ihn von Word noch kenne.

“GLAUBE AN WUNDER, LIEBE UND GLÜCK, SCHAU NUR NACH VORNE UND NICHT ZURÜCK, LEBE DEIN LEBEN UND STEHE DAZU, DENN DIESES LEBEN, DAS LEBST NUR DU”

So stehe ich da. in meiner Küche. Mit diesem Umschlag in der Hand. Wie aus einer gänzlich anderen Welt zu mir vorgedrungen. Es ist Anfang Dezember und ich habe die Novembermiete noch nicht bezahlt. Ich verdiene vierhundertachtundvierzig Euro elf im Monat. Und da liegen zweihundert Euro in einem Umschlag. Wer war diese Frau? Mich erfasst ein Ärger, ein Zorn, darüber daß ich nicht mal danke gesagt habe. Mein Kopf war sofort mit der Suche nach Erklärung beschäftigt und mit dem Ausloten irgendwelcher Möglichkeiten, daß ich nicht mal gelächelt habe. Meine Augen nicht mal für eine Sekunde still gehalten. Den Blick der Frau erwidert. Ihre Wünsche. Ich habe nicht danke gesagt. Es ärgert mich so sehr.

Dann male ich ein Banner. Es ist Samstag, die Kinder kommen erst Sonntag wieder. Es ist mild draußen. Mir fällt dieser Stoff ein den ich seit Monaten aufhebe ohne zu wissen wofür. Mir fällt die orangene Farbe ein die ich noch habe. Ich zeige den Brief einigen meiner Nachbarn. Er berührt. Wo immer ich von ihm erzähle. Er hinterlässt Freude und Gänsehaut und Staunen. Sarah hat noch blaue Farbe. Ich male also vier orangene Sterne in jede Ecke des Banners, dann in die Mitte mit blau schreibe ich DANKE. Und vier Ausrufezeichen. Ich lasse das Bannertrocknen. Am Abend machen wir ein Lagerfeuer im Garten. Es ist ruhig. Wie sind zu fünft. Dann zu dritt. Am Schluss sitze ich allein am Feuer. So viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Jemand glaubt an mich. Ich habe Lust bald etwas aufzuschreiben. Ich schlafe gut. Ich schlafe aus. Am Sonntag hole ich eine lange Leiter aus meinem Proberaum. Laura und Sarah helfen mir. Wir hängen das Banner auf. So weit oben wie es eben geht, an der Stirnseite des Mietshauses in dem ich wohne. Das Banner ist groß. Man kann es von der nächsten Querstraße aus sehen. Ich bin dankbar. Ich bin durcheinander, immernoch. Dann kommen die Kinder zurück. Alle müssen sich erstmal wieder einfinden. Es gibt ein paar Tränen. Ein wenig Streit. Wir haben viele naguts. Dann zünden wir die zweite Kerze am selbstgemachten Kranz an. Es sieht schön aus. Es riecht gut. Eine neue Woche steht bevor.

Gestern habe ich viele Behördenbriefe erledigt. Rundfunkgebühren. Schulbeförderungskosten. Ofeneinbau-Genehmigung. Bildung und Teilhabe. Und endlich Miete gezahlt! Heute, mich an den Rechner gesetzt. Ein paar Worte gefunden. Endlich. Morgen will ich in den Proberaum. Ich muß ja. Hab’ es ja versprochen. Laut. Im Auto.

Und ich möchte Danke sagen. Ganz viel Danke sagen!

Gedanken im Körper

Mein Gott, das ist immer noch alles so separiert. Kopf und Bauch. Das ist doch aber beides an mir dran. Ich laufe rum und lebe und es geschehen Dinge. Natürlich geschehen Dinge. Und ich entwickle mich. Und meist sind es Gedanken, die ich zuerst habe. Bin ich doch schließlich Kind dieses sehr rationalen Teils der Erde. Also stelle ich Dinge fest. Aber dort sind sie dann fest, wenn ich sie nicht weiter schicken kann. Wohin? In meine Zellen verdammt. Natürlich verstehe ich Dinge. Wer tut das nicht nach und nach? Aber ich bin ja nicht nur Kopf. Die Dinge müssen in meine Zellen. Tritratrallala, jede Zelle meines Körpers ist glücklich… Ist sie eben nicht. Weil sie so wenig abbekommen von den Gedanken. Von den schönen Gedanken. Von diesen weiß Gott teils atemberaubenden Gedankenschlüssen. Denn das ist ja zweiwas, immer noch, Kopf und Bauch. Und wir trennen ja so gern. Also sitze ich bei meiner Therapie und stelle Dinge über mich fest. Gute Dinge. Dinge die Sinn erschließen. Es entsteht neue Logik. Zusammenhänge. Und ich bin Ihnen so dankbar Herr Meyer-Deharde. Aber das ist eben Psychotherapie. Mein Kopfdoktor. Er hilft mir sehr beim Sortieren. Und Verstehen. Aber die gleichen Synapsen, die meine Gedanken ermöglichen, ermöglichen auch das Heben meines Armes. Sie ermöglichen auch die Art und Weise meiner Verdauung, die Geschwindigkeit meiner Atmung, das Schlagen meines Herzens, die Schmerzen in meinem Unterleib. Die einen Synapsen bringen sehr viele Gedanken zustande, zutage und hervor. Die anderen nicht. Also keine Gedanken. Aber den ganzen Rest von mir. Wann ich esse, wie laut ich atme, wie aufgeregt ich mich fühle. Unser Nervensystem haben wir unterteilt. In eines, worauf ich Einfluss habe, und eines, was von meinen Gedanken nicht steuerbar ist. Aber mein vegetatives Nervensystem vegetiert im Vergleich zu meinem somatischen dahin. Denn es will auch was abbekommen von der Datenflut. Will auch an dem Rausch eines neu verstandenen Zusammenhangs teilhaben. Und ja, da gibt es eine Brücke. Die Brücke zwischen Kopf und Bauch heißt Emotion. Emotion ist nichts als ein physisches Äquivalent von Gedanken. Und Emotionen sind ein physisches Phänomen herrgott. Aber sie sind wesentlich dezentraler als ein Bänderriss oder ein gesunder Stuhlgang. Sie finden im Gesamtsystem statt. Herz, Lunge, Bauch, Beine, Rücken. Aber wir fühlen nicht, und wir spüren nicht. Und wenn wir fühlen, dann fühlen wir uns: schlecht oder gut. (Unnötig zu sagen, welches wir versuchen zu meiden und welches zu mehren…). Da fühlen wir nicht Enge oder Weite, Wärme oder Kälte, Abstand oder Nähe. Wir fühlen uns nur schlecht oder gut. Was für völlig unzureichende Adjektive, wenn beschreiben sollte, wie ich mich nach dem letzten Trennungsgespräch fühle. Was für denkbar unbrauchbare Kriterien sind das, wenn ich verbalisieren will, wie ich mich fühle, nachdem mein Vater mich angerufen und Sachen gesagt hat, die er lange nicht gesagt hat. Emotionen sind die Wellen, die den Meeresboden mehr oder weniger schnell neu formatieren. Emotionen sind keine elfmonatige Leidensgeschichte. Sie ist eine mehrere Sekunden lange physische Erfahrung. Und nein, sie findet nicht im limbischen System statt, sie wird dort nur angezeigt. Meine Güte. Die Wetteranzeige deines Handys ist auch nicht der Ort, an dem es gerade bei 15 Grad regnet. Emotion findet im Körper statt. Sie sind eine wellenförmige Gesamtbewegung durch einen Großteil meiner Nervenbahnen, und zwar zum größten Teil jene außerhalb der Schaltzentrale. Und so eine Welle hilft (mir) eben genau dabei, solche gedanklich neu gewonnenen Wahrheiten in mein Gesamtsystem zu transportieren. An welcher Stelle haben wir den Wagenplatz denn verloren? Als der Kaufvertrag unterschrieben wurde, oder als die Bagger die ersten Lauben eingerissen haben? (Sowohl als auch!) Ich kann die Welt verstanden haben, im Hirn, aber nichts von dem ist doch von Wert, wenn meine Zellen nicht dieses Verständnis auch in ihre gänzlich nonverbalen Schaltkreise übersetzen können. Und dazu braucht es das physische Verstehen dieser Gedanken. Das physische Verstehen, das ist schon in sich ein Oxymoron, aber wie soll ich es anders nennen, in dieser Welt in der wir Dinge nur mit dem Hirn verarbeiten. (Wenn überhaupt…).

Also lasst mich doch fühlen. Lasst uns “Gefühle” doch als eine körperliche Erscheinung erlauben, die Gedanken spürbar macht. Und auch andersherum. Wenn ich zulasse, was gefühlt werden will, nachdem mein Vater angerufen hat, dann, langsam, entstehen auch, formen sich Gedanken dazu. Worte. Erklärungen. Verständnis. Zusammenhänge. Weil es zusammengehört. Also lasst mich fühlen ohne beschämt oder tröstend die unangenehme Situation überbrücken zu wollen. Ich wünsche mir, daß wir zu den Krankenschwestern oder den Eltern werden, die geduldig dem Patienten die Haare zurückhalten, wenn er wieder über der Kloschüssel hängt, und dabei mit einem leisen Schmunzeln an ihren damaligen zweiten Vollrausch denken. Die abgehärtet und mit dem Herz am richtigen Fleck den Schieber bereit legen, wenn der nächste Durchfall kommt, und danach Teewasser aufsetzen. Herrgott und Emotionen sind ja weit aus geruchsarmer als Erbrochenes oder Durchfall. Es ist ein notwendiger Klärungsprozess. Wortlos meist. (Oder wenn dann mit diesem sich wiederholenden Worten über der Kloschüssel den man den Patienten dann sagen hört, wie “ich hätte beim Karusell nein sagen sollen…”. Weinen. Atmen. Stöhnen. Tönen. Lachen. Sich schütteln. Auf Kissen hämmern. Laut Seufzen. Geräusche machen! Lasst sie uns doch kommen, sein und gehen, die Welle. Viele kleine, statt eine große, allein im Bett. Motion ist nur Bewegung. Und E nur Energie. Es ist kein Leid und keine Euphorie, das wird es erst, nachdem unser Hirn es einordnet. Aber diese Sekunden des Fühlens, sie haben keine Worte und brauchen keine und wollen keine. Sie wollen nur über die Brücke. Nur in den Körper. Nur die Erlaubnis, durch die Zellen zu strömen. Sodaß die Gedanken im Körper landen, wo sie keine mehr sind. Wo sie neue Handlungen werden. Neues Atmen. Neue Muskulatur. Die den Stift beiseite legt. Den Hörer in die Hand nimmt. Das Kind in den Arm. Den Fuß vor die Tür. Den Darm beruhigt. Die Atmung justiert. Die Haut entspannt. Das Zwerchfell lockert. Der Fluß tut keinem weh, nur gestaut wird er gefährlich. Ein Staudamm braucht Steine, Dämmung, Statik, Halt und viel, viel zusätzliche Energie. Kein Wunder, daß mein Therapeut dann 80 € die Stunde kostet. Wenn sich all die Energie immer vor, an oder in meinen Zellen staut, setze ich Fett an, verkrampfen sich meine Muskeln, verkalkt meine Haut. Jedes Tier schüttelt sich, wäscht sich, schnurrt, knurrt, streckt sich, plustert sich kurz auf, lässt die Erfahrung durch den Körper durch. Weinen ist duschen von innen. Stöhnen ist Entlüftung der Lungen. Lachen ist Lockerung des Zwerchfells. Nicht die Emotionen machen mir Sorgen. Ihre Abwesenheit tut es!

Brief an Richard David Precht

Lieber Herr Precht.

Ich habe gerade, im Zuge (m)einer kinderfreien Woche, eine Folge von Jung und Naiv vom September diesen Jahres geschaut. Und es war mir eine Freude, natürlich, und ich bin froh, und staune auch immer, daß wenn ich mir dann mal den Luxus gönne, mich ein wenig ins Weltgeschehen und den Diskussionen darum hineinklicke, daß ich dann bei so etwas wie dem eben gesehenen Video herauskomme, denn warum nicht auch wo ganz anders? Wie dem auch sei, ich drücke mich die ganze Zeit vor dem eigenen Vorhaben, einen Text zu einem anderen Thema zu schreiben, was mich derzeit beschäftigt, und drücke mich gerade mit großer Freude, indem ich Ihnen diese(n) Gedanken niederschreibe: Nämlich zu Ihrer, in dem Interview mit Tilo Jung eigentlich nur kurz angeschnittenen Frage nach dem Sinn des Lebens. Eigentlich von Tilo Jung angeschnitten, und es ging auch weniger um die Frage, als um die Antwort. Und es ging ja wie gesagt auch nicht lange darum, aber eines Ihrer Bücher trägt diese Formulierung ja im Titel. Ich habe es nicht gelesen. Dazu müsste ich wahrscheinlich ein gänzlich kinderfreies Leben führen, oder beim Ausschreiben zur Grundeinkommens-Studie gewinnen. 😉 Wie dem auch sei, ich möchte Ihnen unbedingt kurz diesen einen Gedanken(strang) schreiben. (Mögen die nicht messbaren Algorithmen dieses Lebens entscheiden, ob Sie diese Zeilen je lesen werden…)

Bei dieser Frage, nach dem Sinn des Lebens, an die wir uns -so gefühlt- immer nicht so gerne wagen, oder irgendwie scheint sie in ihrer Größe zu.. philosophisch oder „schwer“, im Sinne von gewichtig zu sein, bei dieser Frage ärgert mich die ganze Zeit ein Fakt, der meiner Meinung nach dazu führt, daß wir diese wie ich finde auch schöne oder nicht unwichtige Frage meiden, umschiffen oder auf den Stapel der Dinge legen, über die man bei einem Bier und mit etwas Humor an einem See im Urlaub mal spekulieren kann, die aber in meinem realen, alltäglichen Leben keine Rolle spielt, oder kein Platz hat. Und das ist die Definition oder das Verständnis des Wortes „Sinn“, die, bzw. welches wir meiner Meinung nach davon haben. Meinem Empfinden nach ist derzeit die Frage nach dem Sinn von etwas immer auch eine Frage nach der Berechtigung. Eine Art Legitimation der Existenz. Hat etwas einen Sinn, dann ist es gut, fühlt sich gut an, dann ist es richtig. Und hat etwas keinen Sinn, dann verliert es irgendwie an Existenzberechtigung. Das ist in vielen Fällen äußerst logisch, denn wenn es keinen Sinn ergibt, daß ich seit einer Stunde auf meine Verabredung warte, dann ist es auch nachvollziehbar, daß ich dann gehe, oder das mich das weitere Warten innerlich frustriert. Wenn nach dem Sinn des Lebens gefragt wird, haftet dem immer an, daß ich meinem Leben, meiner Existenz, irgendwie einen gesamtheitlichen Grund geben muß, oder aber auch eine Art Ziel, oder einen Inhalt. Und dem haftet natürlich auch an, daß, wenn ich auf dieses Problem keine Lösung finde, es sich eigenartig leer anfühlt, und die Frage nahe liegt, was alle untergeordneten Handlungen und Entscheidungen in meinem Leben dann für einen Grund haben, und ob nicht alles ganz anders getan oder entschieden werden könnte. Und es haftet dem außerdem an, daß meine Existenz hier auf diesem Planeten ohne Bedeutung sein könnte, was sich natürlich unangenehm anfühlt. (Selbst wenn ich auf die Frage eine Antwort finde, wenn ich also einen Sinn im Leben sehe, lägen auch die Fragen nah‘, was ich mache wenn ich das Ziel erreicht habe, oder was ich mache wenn es sich als Irrtum herausstellt…)

Und vielleicht haben Sie jetzt darüber schon einige ausführliche Stunden nachgedacht und diesen Gedankenkomplex hinreichend durchforstet, vielleicht haben Sie sogar längst irgend ein Buch darüber geschrieben, und ich habe von all dem nichts mitbekommen. Vielleicht ist das alles für Sie eine etwas zeitraubende und wenig bedeutsame Überlegung, das wäre mir ein wenig unangenehm, aber es würde den Drang Ihnen das folgende noch mitzuteilen leider nicht mindern:

Denn ich finde die Frage, oder besser die Antwort auf die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ keine unwesentliche, auch für unser aller Zusammenleben! Aber eben aus einer Kameraperspektive, die diese Frage etwas anders versteht: Die nämlich die Frage von ihrer Wertung und der Frage nach Existenzberechtigung befreit, und vielmehr nach dem Prinzip des Lebens fragt. Wenn ich also viel weniger frage, warum ich lebe, sondern nach welchen Gesetzmäßigkeiten Leben an sich strebt, oder funktioniert! Welchen Prinzipien folgt also alles, was lebt. Ich weiß, natürlich, daß das zwangsläufig nach sich zieht, den Begriff „Leben“, definieren zu müssen. Und das hat sicher schon der eine oder die andere vor mir getan, und ich habe wahrscheinlich keine/n davon gelesen. Ich habe sie alle nicht gelesen, die Heideggers und Kants und Descartes und Metzingers und Arendts und Prechts (doch, von dem hab ich „selbst Denken“ oder wie es hieß gelesen. Kam damals genau zur richtigen Zeit das Buch, war super!), und vielleicht bin ich größenwahnsinnig zu glauben, die Gedanken die ich habe, hätte vorher noch niemand gehabt. Aber ich muß das ja auch alles nicht gelesen haben, es gibt ja auch noch ein paar andere Bildungshintergründe, aus denen heraus man philosophisch werden darf, wie Kinder kriegen zum Beispiel. Wie dem auch sei, wenn ich das jetzt einfach mal so aus meiner wie auch immer gearteten Perspektive und meinetwegen sehr spielerisch mal beschreibe, wie ich es denke: Wenn ich jetzt „Leben“ nicht sehe als das Existieren oder das Handeln. Sondern wenn ich frage, was vereint alle Wesen, die leben. Und wenn ich das jetzt so ganz spartanisch oder „einfach so“ aus mir heraus mal tue, zusammen mit den wenigen Sachen, die mir aus der Schulzeit noch hängengeblieben sind, und ich zum Beispiel das ganze recht biologisch sehe, und sage:

Alles was lebt: 1. wechselwirkt mit seiner Umwelt, 2. organisiert und reguliert sich selbst (soweit ich die Homöostase bisher verstanden habe, liebe ich dieses Gedankenfeld…), es versucht also immer einen Gleichgewichtszustand aufrechtzuerhalten, 3. alles was lebt ist reizbar, das heißt es re-agiert (damit auch) immer auf seine Umwelt, 4. es will sich fortpflanzen oder reproduzieren, das heißt auch, es will sich selbst in gewissem Rahmen erhalten, und, es will 5. auch das, was es kann oder gelernt hat, weiter geben (Vererbung) und es folgt last but not least 6. außerdem immer dem Bedürfnis des Wachstums im Sinne einer (Weiter)Entwicklung. (Und ich sehe hier nicht unbedingt das Bedürfnis, aus etwas immer mehr zu machen, genauso wie ein Kirschkern nicht zwangsläufig ein immer größerer Kirschkern werden will, sondern ein Kirschkern will sich in Richtung eines Baumes ent-wickeln, es will die Informationen, die es in sich trägt, zu einer Realität werden lassen, dem Kirschbaum.)

Dem Leben als solches wohnt also, so könnte man es, finde ich, interpretieren, ein Prinzip inne, was sich immer in der Balance befindet zwischen Entwicklung und Erhaltung, zwischen Streben hin zu etwas als auch mit diesem Streben hin zu etwas nie sich selbst zu zerstören. Es folgt also einer Art Kreislauf, oder Spirale. Und diese Definition ist wahrscheinlich unfassbar unzureichend, und man könnte sich jetzt hier auch wirklich in tausende Gedankengänge verzweigen, aber das ist gar nicht worauf ich hinaus will.

Worauf ich hinaus will ist, daß wenn wir uns in irgendeiner Form darauf einigen könnten, welchen Prinzipien das Phänomen „Leben“ folgt, welche Mechanismen demnach auch allen Wesen, die leben, inne wohnen, wie zum Beispiel (!) diese o.g. biologischen Prinzipien. Dann könnte ich doch relativ einfach fragen: Hat mein Leben einen Sinn, oder nicht. Das wäre dann aber nicht die Frage: hat mein Leben eine Berechtigung, oder nicht, sondern ich könnte fragen: folge ich, als Wesen, welches lebt, den Prinzipien des Lebens, mit anderen Worten: lebe ich, oder eben auch nicht. Und außerdem könnte ich mich dann auch vor einigen größeren Diskussionen oder Streits erst einmal fragen: Will ich denn leben, befürworte ich das Leben, halte ich es für erstrebenswert, dem Prinzip des Lebens zu folgen, es zu ermöglichen. Wenn sich unsere Antworten in diesem Punkt unterscheiden sollten, könnten wir uns demnach auch einen langwierigen Streit daraufhin einfach ersparen, denn niemand „muß“ ja Leben befürworten. Aber wenn wir uns vorab darauf einigen würden, daß wir das Leben erstmal wollen, oder erhalten wollen, dann müssten wir doch „nur“ noch fragen: Gut, und was von dem was wir tun oder nicht tun, erhält also das Leben, und was tut es nicht. (Das läge auch die wie ich finde schöne Alternative nahe zum Begriff „richtig“ oder „falsch“, man könnte da dann eher fragen, ist etwas für, oder ist es gegen das Leben!). Und bei dieser Fragestellung ist es doch dann relativ (!) einfach, zu sehen, daß ein Wunsch nach permanentem Wachstum, der kein Kreislauf ist, sondern ein lineares Ins-Unendliche-Streben, das Leben langfristig nie erhält, sondern völlig gegen das Leben gerichtet ist. Oder natürlich, daß endliche Rohstoffe aus der Erde zu ziehen dem Prinzip Leben widerstrebt. Daß mehr Bäume zu roden als nachwachsen können auch nicht dem Prinzip leben folgt. Oder auch, daß immer recht haben zu wollen in einer Kommunikation nicht dem Prinzip des Re-agierens folgt, sich da auch überhaupt nichts fortpflanzt und da weder bei mir selbst noch beim andern sich irgendwas weiterentwickelt. Oder daß das ziehen von Grenzen unter einigen Gesichtspunkten dem Prinzip des Lebens sehr folgt, wenn es schützt, wenn es sich abgrenzt um beispielsweise zu wachsen oder zu heilen, daß aber eine andere Form der dauernden Abgrenzung dem Prinzip des Lebens überhaupt nicht folgt, weil es Diversität verunmöglicht, weil es auf lange Sicht auf Inzucht hinaus läuft und da auch nichts mehr in Beziehung gehen kann. Ein Erdbeerfeld zu pflanzen kann für das (Prinzip) Leben sein, ihm also zuträglich, Strawberry fields forever wäre irgendwann gegen das (Prinzip) Leben. Gewalt ist wahrscheinlich in den meisten fällen dem Prinzip des Lebens äußerst abträglich. Mich mit Gewalt gegen die Vernichtung meines Lebensraumes wehren kann in manchen fällen aus der Perspektive des Prinzips Leben zumindest nachvollziehbar sein. Arbeitsplätze zu schaffen wäre dann nicht per se ein Allheilmittel für alles was lebt, sondern es müsste gefragt werden, was tut denn der Mensch, der da arbeitet? (Entwickelt er sich oder irgendetwas weiter, oder hält er einen gegen das Leben gerichteten Mechanismus am Laufen?). Das ganze Gebiet der Ernährung müsste nicht mehr hinsichtlich der Frage betrachtet werden, ob vegetarisch essen richtig oder falsch ist, sondern zum Beispiel nach der Frage, wie viel Fleischkonsum ist sinn-voll, folgt also den Prinzipien des Lebens, und ab wieviel konterkarieren wir das Prinzip Leben damit? Ich könnte die Liste noch eine Weile lang fortsetzen, dessen, was also das Prinzip Leben bejaht, und was sich dem Prinzip leben entgegenstellt.

Wenn wir uns also, und dabei ist es vielleicht sogar unerheblich, ob ich das individuell betrachte oder gesamtgesellschaftlich, viel weniger fragen: ist mein Leben gut, hat es einen Sinn, daß ich hier existiere, hat mein oder unser Leben eine Bedeutung, sondern wenn ich mich stattdessen frage: folgt mein Handeln oder die Summe meiner Entscheidungen dem Prinzip Leben, dann wäre doch die Antwort genau darauf durchaus interessant, und lohnte es sich damit zu stellen, oder nicht?

So. Lieber Herr Precht. Dies ist also mein Gedankengang, den ich schon seit wirklich geraumer Zeit mit mir herumtrage, und den ich nun endlich mal verschriftlicht und in die Welt geschickt habe. (Und sei es nur ein selbst-therapeutischer Zweck, dem das Ganze hier gefolgt ist, so war es für mich, glaube ich, doch sehr dem Leben zuträglich, denn ich habe mich durchaus beim Schreiben dessen ein wenig selbst reguliert, habe auf Reize meiner Umwelt reagiert, habe diesen Gedanken vielleicht sogar ein wenig fortgepflanzt (und sei es nur in mir…), habe mich irgendwie auch um einen Nanometer vererbt, zumindest potentiell, habe mich selbst beim Schreiben definitiv ein wenig weiterentwickelt und vielleicht wechselwirke ich sogar damit ein wenig mit meiner Umwelt. Wer weiß 🙂

Ich danke Ihnen fürs (eventuelle) Lesen bis hier hin.

Mit den besten Grüßen und nicht ohne meine Hochachtung,

Martha Laux

(Dresden, 28.10.2020)

versinken in Dingen

Wir versinken in Dingen. Ich versinke in Dingen. Ich habe heute die Kiste mit “Elektrozeug” ausgekippt und aussortiert. Dinge. Ein Babyphone. (zuletzt genutz vor etwa neun Jahren. Beim zweiten Kind ein neues Babyphone gekauft.) Kabel. Comuterkabel. Netzwerkkabel. Kabel mit Bruch. Stecker mit abgeschnittenen Kabeln dran. Ein Lampenschirm (soo schön retro, wenn auch kaputt) mit Kabel dran. Etwa eine viertel Stunde Kopfhörerkabel entfitzt. Alle aussortiert. Irgendein Festplattenkapel. Netzteile. Viele Netzteile. Eine Basisstation für ein schnurloses Festnetztelefon. Ohne Schnur und ohne Telefon. Eine Taschenlampe, vermutlich für 1,99 €, oder gar DM, mit ausgelaufenen Batterien. Glühbirnenfassungen, bestimmt drei. Sahen nicht mehr gut aus. Ein Dreiphasenstecker. Behalten. Ein Moskitonetz in der Packung. Knieschoner. Noch nie benutzt. (In der Elektrokiste?). Einen uralten Schalter, vielleicht von einer Puppenstube. Einen Kippschalter an einem abgeschnittenen Kabel. Eine Zeitschaltuhr. (Behalten). Ein Batteriegehäuse mit einem hauchdünnen Kabel mit LED-Lämpchen dran. Heimlich behalten. Funktionierte noch. Viele USB-auf-irgendwas-Kabel. Und das war noch nicht alles. Den Rest weiß ich nicht mehr. Eine Kiste. Es war nur eine Kiste. Ich habe einige solcher Kisten. Wir versinken in Dingen. Mit jedem Ding könnte man noch irgendwas tun, könnte man sich das Geld sparen und die Umwelt schonen, würde man es aufheben und das nächste mal (wirklich) nutzen. Aber ich tue es nicht. Niemand tut es. Ich stelle es alles in einer Kiste an eine Verschenke-Ecke. Bis auf die Basisstation ohne Telefon, das kommt in den Müll. Vielleicht freut sich jemand über das Moskitonetz. Dinge. Jedes Ding könnte ein Projekt sein. Der Tag hat weniger Stunden als der Konjunktiv Möglichkeiten. Wir versinken. Und trinken es dann als Mikroplastik mit unserem Shake. Und kaufen uns dann teure Filter, die alles wahrscheinlich herausfiltern. Dinge. Alles Synapsen in (m)einem Hirn. Alles Möglichkeiten die Staub saugen und Geschichten erzählen, die wir verdrängen. Die wir oben aufs Regal stellen. Und ich wunder mich noch…

Corona-Tagebuch 1.3

Und dann vergeht Zeit. Ein ever-präsentes Thema. Hält langsam Einzug. Nichts ist normal und doch irgendwie alles. “Langsam wieder…” . Was ich an dem ganzen mag, an Corona, ist, daß es die Grenzen ein wenig aus ihren Angeln hebelt, die wir sonst so hatten. Die Definitionen. (Fußnote: Nun, keine Definition ohne Grenze und andersherum…). Die Kompassnadel ist ein wenig eine andere geworden. Und das finde ich schön. Mit der neuen Kompass-nadel fällt meine Links-Rechts-Schwäche gar nicht mehr so auf.

Nun ja, aber gleichwohl. Von jeder Kompassnadel wollen wir natürlich trotzdem noch, daß sie irgendwo hin zeigt. Das können wir schwer ertragen, wenn sie sich dreht und dreht. Oder stellen wir uns vor sie würde nach oben zeigen, plötzlich! Oder: nach unten! Nun ja, aber ja, die Nadel schieben wir trotzdem dann schnell irgendwo hin. Auch ich. Ja, ich muss gar nicht so tun. Wer eine Partei wählt, die so viele mir so unheimlich fremde Menschen auch wählen, da muss ich vor’m (richtigen) Zuhören erst mal durch so ein Dickicht an ungeklärter Fragen. Irritation. Holt mich einfach überhaupt nicht ab, diese Partei. Aber nun gut. Ja auch erstmal egal, Partei, Partei, da dreht sich ja nun wirklich nicht alles drum. War ja auch nur ein Beispiel. Corona jedenfalls bringt, finde ich, eine neue Kompassnadel ins Spiel. Wer weiß ob die besser oder schlechter ist, aber es ist einfach erst mal eine andere.

Und dann gehen Menschen zu Demos, wo es mich grad wirklich nicht hinzieht. Aber sie finden dort was. Und diese Menschen sind mir zugewandt. Mindestens. Und ich ihnen. Vielleicht ist es meine Mutter. Oder mein Freund. Pro Corona und gegen Corona. Das ist natürlich irgendwie Schwachsinn. Odernicht? Ja, das ist dann wieder gleich die Kompassnadel irgendwo hin schieben. Das langweilt mich. Ja und es fordert mich natürlich auch heraus, denn auch ich schiebe bisweilen die Kompassnadel allzuschnell in irgend eine Richtung. Aber sie wird eben zur Zeit auf eine schöne Art immer durch verschiedenen Magnetismus gestört.

Und gleichwohl, kommt es aber natürlich zu konkreteren Fragen. Ganz konkreten Fragen. Und ich meine nicht so Fragen wie: setze ich die Maske auf oder nicht, oder wie konsequent. Es gibt noch mehr Fragen: Wie sehr fordere ich die anderen auf, eine Maske zu tragen. Oder auch: Wie fordere ich, wenn ich es tue, die Menschen auf eine Maske zu tragen? Und es ist doch aber auch der Fall, daß diese ganz konkreten Fragen auch wieder zu den großen Fragen führen (dürfen, sollen!?!) Wer ist woran Schuld? Und ist diese Schuld nicht auch irgendwie ein alles-vernichtendes Argument und lenkt es nicht auch ein wenig ab? Oder nicht? Wenn Dir Schuld wichtig ist, dann sag es mir! Und wenn Du Angst hast. Was ist mit der Angst?

Weißt Du. Langsam. Allmählich. Allmählich entsteht in mir eine Meinung. (Aber lasst mir doch ein wenig Zeit noch… lasst uns vielleicht allen überhaupt ein wenig Zeit eine Meinung zu finden und nicht gleich versuchen, selber eine zu haben bevor es sich richtig anfühlt und auch die anderen nicht zu zwingen (m)eine zu haben! …) Gleichwohl. Mehrere Meinungen zu verschiedenen Aspekten entstehen in mir. Únd eine davon merkte ich förmlich entstehen, als eine Kundin zu mir in den Laden kommt, mit Maske auf. Und als sie zu mir an die Kasse kommt, setze auch ich meine Maske auf. Sie sieht mich an, meine Re-Aktion bemerkend, und ich höre mich sagen: Wenn es Ihnen wichtig ist, dann ist es mir das auch. Und da habe ich gedacht, lasst den Menschen ihre Angst. Ich muss sie nicht teilen und nicht mögen. Aber keine Enge dieser Welt lässt sich mit Enge weiten. Und, daneben stehend, ja sich förmlich ineinander verschlingend ergänzend, heißt das auch: verlange nicht von mir eine Sorge zu tragen, die ich nicht greifen kann. Mach mir keinen Vorwurf aus meiner Abwesenheit von Sorge. Und nenn mich wenn Du kannst nicht verantwortungslos, denn auch ich muß im Falle des Falles zur Antwort fähig sein. Auch mein Herz und Kopf wollen eine Antwort wissen wenn ich Corona habe. Oder wenn andere wegen mir Corona haben. Auch ich will das nicht. Und diese Maske tut etwas. Sie tut vieles. Manchmal sogar da mag ich sie. Mag das Mich-einkuscheln und -verstecken in meinem Tuch, mag meine eigene Wärme zu spüren und sonst keine. Und an anderen Tagen da bremst sie mich. Nimmt mir die Freude am Atmen. Am Lächeln. Lässt mich mich eigenartig fühlen. Ich wasche mir die Hände übrigens. Mehr als zuvor. Terry Prettchat hat gesagt, Hexen haben immer saubere Hände. Hände waschen ist gut. Muss ja nicht manisch werden. Aber fließend Wasser ist gut. Nun und wenn Du eine Maske tragen willst, und wenn Du willst, daß ich eine trage, dann setze ich sie auf für den Zeitraum, in dem wir hier und an diesem Ort einfach gut miteinander sein wollen, gerne auf.

Ich verfluche dieses Kleinfamilienkonzept

Ich verfluche dieses Eine-Mutter-ein-Vater-Konzept. Ich verfluche es aus der Mitte meiner Seele. Irgendwelche manischen Vorfahren haben wahrscheinlich irgendwann was falsch verstanden und ein spirituelles Bild von einer Bipolaren Einheit von Männlichkeit und Weiblichkeit einfach eins zu eins auf den Menschen geglaubt übertragen zu müssen. Willst Du diese eine Frau lieben und ehren bis daß der Tod Euch scheidet? Und seit dem rennen wir rum und eine Frau soll nun alles Weibliche in sich beherbergen und ein Mann alles Männliche. Das funktioniert aber nicht. Eine Mutter ist in diesem Konzept immer alleinerziehend, egal wie viel Mann sie noch neben sich hat, weil sie die einzige Mutter für ihre Kinder bleibt. Aber ich will nicht die einzige Mutter für meine Kinder sein. Ich möchte Schwestern neben mir. Und Tanten. Und Mütter. Und Großmütter. Aber beziehungsunfähig wie ich geworden bin in dieser Welt habe ich das nicht. Ich bin alleine als Mutter. Ich bin immer die einzige Mutter für meine Kinder. Keine neben mir hat eine solch enge Beziehung zu meinen Kindern wie ich. Und so ist es überall eingraviert, es gibt immer nur enge Beziehungen. Zweierbeziehungen. Es gibt nicht meine Mütter. Es gibt nur meine Mutter. Natürlich ist die Beziehung dann immer so eng, daß es auch immer ein Loslass-Thema nach sich zieht. Ich kann meine Tochter schwer loslassen wenn ich sie in den Kindergarten gebe. Ich kann schwer loslassen verhindern zu wollen, daß meine Tochter ihre ersten eigenen schmerzhaften Erfahrungen macht. Dieses Konzept kreiert natürlich Helikoptereltern oder überforderte Mütter. Und wenn die Mutter dann selber in irgendeinem Prozess ist, weil sie ja eben auch nur ein Mensch ist, und kein spirituelles Bild, dann ist das Kind sofort ohne Mutter-Halt. Bindungsschwierigkeiten. Natürlich hat man dann Bindungsschwierigkeiten, wenn es auch nur eine solche Bindung gab, und die dann ersatzlos wegfällt. Und die Kindergärtnerin ist kein Ersatz. Und der neu hinzukommende Halbpapa auch nicht. Und die neue beste Freundin auch nicht. Eine zweite Mutter wäre es gewesen. Oder eine dritte. Von Beginn an. Aber nein. Ich habe das Gefühl der Gedanke löst jedesmal Gefühle völliger Absurdität aus, wie soll denn das gehen, eine zweite Mutter?

Und ich kann als Mutter nur scheitern in diesem Konzept. Natürlich sehe ich als Mutter auch was es bräuchte. Daß es jetzt Halt bräuchte. Oder Spiel. Leichtigkeit. Oder Grenzen. Natürlich habe ich dazu ein Gefühl. Auch wenn mal eher und mal später. Aber natürlich spüre ich, was mein Kind eigentlich bräuchte. Aber ich kann natürlich nicht alles gut. Ich kann eben manches gut. Grenzen ziehen kann ich gut. Aber spielen kann ich nicht gut. Aber andere können Anderes gut. Geduld hab ich nicht oft. Aber anderen fällt das leicht. Erklären kann ich Dinge gut. Leichtigkeit haben wieder andere viel schneller als ich. Und zusammen wären wir eine wunderbare Mischung aus all dem, was ein Kind braucht. Aber allein. Allein kann ich nur scheitern. Und ich muß zusehen, wie mein Kind nicht bekommt, was ihm zusteht. Wo es doch aber möglich wäre. Wenn sich mein Kind das, was ich nicht habe, von anderen holen kann. Aber um dort hinzugehen, zu einem Mensch, und sich was zu holen, braucht es eine Beziehung. Die gibt es aber nur zu Mama und Papa so eng. Also kommt es zu Mama und Papa. Und ich habe aber gerade keine Geduld. Keine Leichtigkeit. Also komme ich an meine Grenzen. Ein Kolibri von dem ich mir einen weiten, ruhigen Flügelschlag wünsche, der würde sich natürlich alsbald fehlerhaft und gescheitert fühlen. Aber wir kennen nur die Bipolarität. Entweder oder. Entweder Mama bietet Halt. Oder eben nicht. Wenn nicht, dann gibt es keine andere Mama, dann gibt es keinen Halt. Natürlich gibt es noch Papa und die Kindergärtnerin und die Nachbarin. (Zum Glück!). Aber es gibt dann keinen Mama-Halt. In den ersten drei Jahren unseres Lebens bildet sich unser Unterbewusstsein. Unsere nonverbale Wahrheit darüber, wie (selbst-)sicher ich mich ganz grundsätzlich fühle. Und wie frei ich mich also entfalten kann. Unsere Wahrheit darüber, wie ich lande, wenn ich falle. Und just in dieser Zeit gibt es eine Mama. Und einen Papa. (Im Optimalfall.) Und wenn ich in dieser Zeit also mal falle, weil die Mama-Energie gerade haltlos ist. Oder berührungsscheu. Oder freudlos. Dann lande ich hart. Und wenn mir dann etwas später verbal die halbe Welt erzählt, ich könne mich fallen lassen, bin ich mir doch sicher, ich bin mir bewusst, daß ich hart landen werde. Also halte ich mich fest sobald etwas Halt verspricht. Und dann sitzen wir beim Therapeuten und reden über die Schwierigkeit Loszulassen. Ach wirklich?

Ich verfluche Dich, Kleinfamilienkonzept!

Corona-Tagebuch 1.2

Geh noch nicht, Corona

Es ist mir eher eine vage Erinnerung, daß es da mal ein Lock-Down gab. Auch wenn meine Tochter erst einen Tag die Woche wieder in die Schule geht. Ich höre kaum noch Radio. Alles ist noch irgendwie in dieser Blase, aber der Sog hat auch die Blase kaum merklich ergriffen, natürlich. Wir brauchen unseren Wachstum, unser Immerweiter, das Müssen, wir brauchen es wie die Luft zum Atmen, anscheinend. Und auch an mich hat es sich wieder drangehangen, ohne daß ich ausmachen könnte wann das geschehen ist. Das Müssen. Es muß ja Miete gezahlt werden. Es muß ja eingekauft werden. Es muß ja auch krankenversichert sein. Es muß ja weitergehen. Es muß ja auch glücklich sein sein ab und zu. Es muß ja irgendwie für die Grundlage gesorgt werden. Es muß immer irgendwie aus Minus Null gemacht werden, damit man sich ausruhen kann, denn man muß ja am nächsten Tag wieder Müssen. Und der Lock-Down war mir so ein Geschenk. Plötzlich konnte ich atmen. Einfach erst mal atmen. Und dann, ganz heimlich, konnte ich mich ja um die Sachen kümmern, die ich eigentlich machen will. Plötzlich, weil ja auch niemand geguckt hat, konnte ich mir einen Tag einrichten an dem ich eine Idee aus dem Schuhkarton hole und sie in die Welt bringe. Ich konnte sogar noch eine zweite rausholen. Ich konnte nicht müssen. Plötzlich konnte ich kurz einfach glücklich sein und musste gar nicht. Und habe es natürlich nur heimlich gemacht, anfangs, weil die Situation natürlich besorgniserregend war, zumindest für andere, und das wollte ich niemandem absprechen. Aber mir war der Lock-Down ein solcher Balsam für die Seele. Für einen Moment musste das Herz nicht müssen, und es durfte so viel denn es will ja gar nichts böses. Es durfte sich ausruhen. Einfach ausruhen. Und mit diesem Platz, den es da bekam, mit diesem Raum zum Atmen, entstand so viel Lust zum Handeln. Und ich meine nicht so ein Handeln wie jetzt kipp ich mir als allererstes viereinhalb Whisky hinter die Birne und schlafe jeden Tag bis vierzehn Uhr. Und auch nicht so ein Handeln wie ich unterschreibe jetzt sofort fünfeinhalb Petitionen weil ich meine Grundrechte in Gefahr sehe. Es war so ein handeln wie ich fahre an einen See und höre die Bäume atmen. Ich treffe mich mit einem Freund und mach endlich den Song fertig der seit anderthalb Jahren darauf wartet auf Youtube gestellt zu werden. Ich kaufe mit meiner Tochter endlich die Kommode die sie sich so lange wünscht und abends essen wir zu dritt Sushi am Tisch. Am nächsten Tag bauen wir sie mühsam im Chaos zusammen und ich verfluche Ikea und unsere Billig-Gesellschaft, aber freue mich an der Kommode und der Ruhe die sie herstellt. Ich liege allein in meinem Bett und suche den Ort in mir wo ich ganz ich selber bin. Ich mache Yoga ohne daß ich es mir vorgenommen habe. Ich merke daß ich eigentlich anders wohnen möchte. Ich entdecke neue Musik. Und da ist noch lange keine Struktur, keine Basis des Nicht-Müssens, es ist lediglich Platz, den mein Herz plötzlich geschenkt bekommen hat.

Und vielleicht sollte ich Radio hören. Vielleicht sollte ich mitentscheiden. Mich beteiligen. Aber ich bin eigentlich nur dabei, den Wänden zuzuschauen, die sich wieder verdichten, dem Raum, der wieder kleiner wird um mich. Versuche noch eilig zu entscheiden, welche Dinge es unbedingt zu behalten lohnt. Ich muß jetzt mal irgendwie wieder arbeiten. Dringend. Mai ist die Miete gezahlt. Für Juni weiß ich noch nicht ganz wie und wovon. Juli weiß ich noch gar nicht. And don’t ask me about the Sommerferien. Ich sehe nicht mehr sehr weit, der Nebel hat sich wieder verdichtet. Ach Corona denke ich, geh noch nicht. Lass mir noch ein wenig Zeit. Lass mir noch ein wenig dieser Ruhe, die meinen vielen Gedanken so viel Platz geschenkt hat und mein Herz so weit gemacht hat. Jetzt muss ich sogar wieder meditieren, wenn ich nicht wieder aufgesogen werden will, vom Strudel, und mir dann doch Donnerstag Abend noch dreieinhalb Whisky eingieße weil es den Moment so anhält. Ach Corona. Dein Lock-Down hat mir so viel leise, warme Ruhe geschenkt, die so viel frei gemacht hat in mir.

Corona-Tagebuch 1.1

Perspektiven-Test

Es sind seltsame Zeiten das. Also die Zeit selbst scheint auch auf eine eigene Art zu vergehen. Ich kann nicht sagen ob die Tage rennen oder schleichen. Ich kann auch schwer sagen, wie es mir geht. Und dann: werde ich krank. Man kann überhaupt nicht normal krank werden in diesen Zeiten. Ich habe tatsächlich: Fieber und Husten. Keinen Schnupfen. Bestialische Kopfschmerzen. Habe sonst nie Kopfschmerzen. Und plötzlich bin ich irgendwie… isoliert. Und gleichzeitig will ich gern isoliert sein. Eigentlich will ich im Bett liegen und liegen und liegen und atmen und Musik hören und Tee trinken und schlafen, unendlich viel schlafen. Aber ich kann nicht so richtig schlafen. Ich kann mich auch nicht so richtig entscheiden. Ob ich ruhen will. Oder der Krankheit den Abwehrkräfte-Kampf ansagen, mit tonnenweise Knoblauch und Hollundersuppe. Und Aktionismus. Ich hatte Pläne. Hatte Termine. Und nun bin ich krank also steht Corona im Raum wie ein Problem was erst geklärt werden muß, bevor irgendwie wieder zur Tagesordnung übergegangen werden kann. Ich hätte mich auch einfach 14 Tage in selbstgewählte Quarantäne setzen können, krankschreiben lassen, und die Krankheit durchlaufen. Danach wäre alles so seltsam verrückt langsamschnell weiter gegangen wie die ganze Zeit. Aber ich möchte diese Termine wahrnehmen. Also:

Mache ich einen Test. Ich bekomme einen Test. Ich bitte sehr darum. Ich glaube mein Arzt meint es gut mit mir. Vielleicht auch nicht. Aber normalerweise erfülle ich nicht alle Kriterien für einen Test. Aber ich muss es für diese Termine ausschließen können sage ich, und das stimmt ja auch. Und dann, plötzlich, ist so viel anders. Wenn ich einen Test mache. Noch bevor ich das Ergebnis habe wird alles anders. Man kann es in den Köpfen sehen, meinem nicht ausgeschlossen, man kann den Perspektivwechsel beobachten wie man das Bewegungsmuster einer Geruchswolke in einer U-Bahn anhand der Gesichtern der Menschen erkennen könnte. Ich habe ja das Ergebnis noch nicht. Nur die Tatsache, daß ich die Frage stelle, ob ich möglicherweise Corona habe, nur die, verschiebt still und deutlich zugleich die Perspektiven. Die Handlungen. Die Scherze. Die Entfernungen. Die Geschwindigkeiten. Beim Arzt komme ich sofort an die Reihe, im Hinterhof werde ich empfangen, ich habe keine Minute gewartet, werde mit größtmöglichem Abstand gründlich, sachlich und rasant schnell getestet. Stäbchen wieder ins Röhrchen, ich brauche noch eine Krankschreibung, bitte am Fenster vorne abholen. Ich gehe mit Mundschutz zum Bäcker. Ich will dort auf keinen Fall in diesen Laden husten. Dieser Mundschutz. Die Menschen sehen ja gar nicht ob ich lächle. Und ich lächle doch eigentlich oft und gerne beim Einkaufen, das macht alles etwas leichter. Abstand. Sorge? Distanz. Mit Fingerspitzen legt sie das Zwei-Euro-Stück auf die Geldschale. Oder bilde ich mir das ein? Wenn ich es mir recht überlege, ich kenn die Bäckerfrau ja gar nicht gut. Sie war auch nicht wirklich unfreundlich. Oder? Eigentlich hat sie all meine Fragen anständig beantwortet. Ich weiß es nicht. Wer weiß das alles schon. Mein Nachbar schenkt mir sein Feuerzeug nachdem ich es in der Hand hatte. Immer wieder muß ich an dieses Doppelspaltexperiment denken. Ich meine keiner ist wirklich anders zu mir. So richtig. Immens. Niemand. Nur diese Subtilität. Diese Feinheit. Feinstofflichkeit. Wirklich kaum wahrnehmbar. Und mehr noch: So schwer wahrnehmbar, daß ich nicht sagen könnte, ob ich es mir selbst einbilde. Ob erst ich es erschaffe. Oder ob die Bäckerfrau dann erst unfreundlich wird, weil ich sie so skeptisch ansehe, mit einem ganz zarten Hauch Beleidigtsein, durch die Augen, hinter der Atemmaske. Wer weiß das alles schon. Die Lichtteilchen verhalten sich anders, nur deshalb, weil gefragt wird, wie sie sich wohl verhalten. Fragen sind Räume, sagte mal ein Lehrer von mir. Erfahrungsräume. Morgen um zehn kommt das Ergebnis. Vielleicht ist die entscheidendere Frage: Habe ich heute schon mal eine Weile in Ruhe geatmet?