Meine Linke, wo bist Du?

Ich höre Halrald Welzer. Und seit langem, langem, langem, verspüre ich Sehnsucht, oder eher, … eine Art Schmerz, ob meiner linken Heimat. Ich prüfe die Worte, die Anfangsworte, sie allein könnten mich schon trennen, von Euch. Uns voneinander. Ich vermisse Euch so. Vermisse die Nähe. Wir haben einen Fehler gemacht, mehrere, sage ich, und wir sehen nicht hin. Wir sind in der sofortigen Abwehrhaltung von „aber“, als könnten wir, als könnte etwas uns Heiliges verloren gehen, wenn wir nur eine Minute zulassen, dass auch wir beteiligt sind, am Konflikt. Wo ist sie hin, die Liebe zur Reflexion, die Pflicht geradezu, ich habe sie sehr gemocht, die linke Pflicht zum Gewahrsein, zum Darauf-achten, ob wir nicht selbst, und wo sie lauern, die Mechanismen. Wo ist sie hin, die Liebe auch zu dieser Selbstreflexion, die das für mich immer auch einschloss? Ich will zu Hause bleiben, ich merke es, noch immer zieht mich der Duft des Kämpfens, des Nicht-Einverstanden-Seins, des enormen Willens, der Überzeugung, vor allem, für das Richtige, das, was eben vermeidet, dass Menschen leiden, dass Menschen hungern, dass Menschen ohnmächtig sind. Noch immer, so absurd das alles geworden ist, gefällt mir das Wort links, mehr als das Wort rechts. Noch immer schmunzle ich, und es ist stiller geworden um diesen Satz in mir, aber noch immer schmunzle ich wenn ich denke, und manchmal sage ich sogar noch: mein Herz schlägt links. Denn diese Richtung war für mich noch immer, (wenngleich nur eine Richtung einschlagen zu dürfen und sonst keine andere, das selbst mir immer schon suspekt vorkam,) doch immer noch, herrgott, will ich es linksrum, wenn ich mich entscheiden muss. Oder sagen wir, viel eher: es war doch immer, wenn auch mit sehr viel notwendiger Gehirnleistung bisweilen, so doch immer noch irgendwie: kompatibel. Meine Suche nach dem Matriachat, nach dem Ort, wo niemals irgendjemand mehr als 80’000 Euro im Monat verdienen darf, weil das schlicht und ergreifend nicht mehr gesund ist. Meine Suche nach dem Ort wo Frauen sein dürfen, Kinder, und die die anders ticken, alle. Erst recht die Menschen, die sich in eine gänzlich gänzlich andere Welt begeben, um zu leben, die alles was sie wurzelt loslassen, für eine Existenz, oder den Glaube, wenigstens, daran. Es war doch immer kompatibel. Aber wir Linken sind so kalt geworden. Und ich friere, so so sehr, in diesen Räumen. Und ich will zu Euch, ich will Euch wieder sehen, hören, fühlen, will streiten, und dann Gespräche führen, sich manchmal sogar berühren, und sich Dinge zeigen, die man selten zeigt. Sich wärmen auch. Solidarität. Was für ein militantes Wort, war es schon immer, jetzt aber nur noch mehr. Wo seid ihr. Wo ist meine Linke. Die so kalt geworden ist, weil die Grenzen sie verschwimmen. Wir sind so überfordert von einer doch eigentlich recht schönen Herausforderung. Nämlich dass die Grenze schwer zu ziehen ist, dass es nicht immer ganz so leicht ist. Zu trennen. Zwischen quer denken und rechts. Zwischen Spiritualität und Heimatzauber, zwischen Gedanke und Gefühl, zwischen so vielem. Wir scheitern, an einer Einsicht die doch, dachte ich, längst durchgedrungen sein müsste: Grenzen, sie sind ein Phänomen. Und sie brauchen auch die Einverständnis des Herzens, sonst halten sie nicht lange, sonst muss man sie gewaltsam halten. Und das geht immer schief, wer sonst als wir sollte das wissen?! Herrgott. Wir scheitern an der Feinfühligkeit die wir so rational und militant einfordern. Und eines haben wir aber geschafft: die Mittel nutzen, die wir so bekämpften, auch schon: Sich zu einer Elite zugehörig fühlen, die wir niemals so nennen würden, selbstverständlich, gebildet sein, und aufgeklärt. Medial, die Medien die das Regelwerk bezahlt, medial ein Richtig setzen, Deutschlandfunk, die Anstalt, arte, sie lügen nie, sie haben ausschließlich rational und definitiv mit Abitur die Zahlen und die Wahrheit abgebildet, und wir sind es, die ganz objektiv die Wahrheit finden. Wie arrogant wir doch geworden sind, denn auch diese Grenzen fließen wie die Elbe und der Rhein und die Natur, noch. Wahrheit, was haben wir gestritten, und wie wunderbar der Wein da floss und man doch trotzdem Kicker spielte, und manchmal sogar, ging einem ein ganz rationales Thema, ganz weltlich, ganz politisch, doch so nah, dass man mit diesem Mensch tatsächlich nicht mehr kickern konnte, und selbst wo er so schön ist, und der Wein so rot, manchmal hat der Zorn über die nicht gefund’ne Wahrheit einen so sehr beschäftigt, in der Linken, damals, dass man sich ins eigne Bett gelegt, oder betrunken noch in die Küche im zweiten Stock ging und sich dort ethanolgeschwängert echhauffierte, und sich dann mit dem Zorn in seine Kissen fallen ließ und am nächsten oder übernächsten Tag hat man ein Schmunzeln nicht verstecken können, auf dem Plenum. Wir haben doch gestritten, aber zusammen. Wir haben es geteilt, den Zorn, die and’re Meinung, wir haben doch gewohnt, in einem Haus, wo was auch immer aber in jedem Falle „links“ drauf stand. Wo ist das hin? Wir linken sind so kalt geworden, ich sehe Euch so selten noch. Manchmal, auf dem Wochenmarkt, da seh‘ ich linke Frauen. Nicht die Mädchen, nicht die ganz veganen und awaren jungen Frauen sondern ich seh‘ Frauen, kurze Haare, Locken, und ein Blick von Zorn und Liebe. Wo sind wir hin? Wo ist die Nähe zwischen uns geblieben? Anka, dich treff‘ ich auf dem Campingplatz, du hast zwei (wunderschöne) Kinder und ne Frau mit der du jetzt ein Dauercamping Platz erworben hast und eine Wohnung gekauft. Ich will reden mit Dir, die ganze Nacht lang, will streiten, und ich will sagen dürfen: ja ich hab mich nicht geimpft und würd‘ es niemals tun, zumindest nicht die nächsten zehn Jahre und ja ich rede nur von Covid. Ich liebe meine Mutter und ich fand uns so zum Kotzen, in der Zeit, in der es doch um unsren Körper ging, nicht um Grenzen, nicht um Migration, nicht um lesbische Frauen. Es ging doch nur um Körper, Immunität, Verbreitung, Viren, alles Dinge über die wir uns als Linke noch nie die Zeit genommen haben uns zu treffen. Körper, es war nie ein Thema, und plötzlich trennt es uns, warum, wieso verdammt, woher kam diese völlig übereilte Einteilung in: Migration. Dann: Krieg. Dann: Klima. Woher Herrgott kam das denn alles so unfassbar schnell? Und ja, ich könnte jetzt, die „andre Seite“…, ich könnte jetzt, ich will nicht, denn ich hab‘ Sehnsucht. Ja, die „andre Seite“, wenn Du wüsstest, wenn ihr nur wüsstet, was ich gehört hab‘, von der fucking „andren Seite“, lasst mich in Ruh‘, ich will Euch keinen Zentimeter, keinen Spalt breit schauen lassen, in die Dummheit, die ihr so attackiert, und mit der ihr Recht habt, an den Rändern, finde ich, aber ihr attackiertet, als gäbe es kein Morgen. Ihr attackiertet nicht das Herz, den Bauch, die Wut, ihr attackiertet vor allem eins: den Intellekt. Und das ist: nichts als arrogant. Ihr attackiertet all die Querdenker, weil Euch nichts übrig blieb, bei all den verschwimmenden Grenzen, ihr sagtet: Bildung, Afd, und Ostdeutschland. Unterschicht. Faktenfeinde. Aluhüte. Peinlich. Und: ihr hattet es geschafft: es WAR mir peinlich. Es IST mir immernoch. Nicht ich. Zum Glück. Ich bin zu Jung für diese Art von Scham. Und ich wähle ganz bestimmt nicht, ich wüsste nicht im Traum warum, diese rationale, kalte, deutsche und unlogisch gefühllose Partei. Niemals. Aber ich fühl‘ die Scham so sehr, von Menschen die ich liebe, ich fühle es, das Schweigen, vor der nächsten Wahl, ich fühle es so sehr, denn ja ich habe (zum Glück) Menschen, denen ich nie und niemals meine Tür verschließen würde, niemals, die wählen die Partei! Diese. Aber WIR, wir sind ja ACH so aufgeklärt, und wir, wir haben uns niemals auf eine Art verhalten, die den Zwist verstärkte. Welchen Zwist? Der war doch immer da? Ja, er war immer da, das stimmt, aber die Seiten waren deutlicher, und es war einfacher. Meine Mutter nicht, meine Familie nicht, vielleicht ein Großonkel, er konnte schon ein Nazi sein, das habe ich sogar, in guten Nächten, wenn es zur Stimmung passte, zugegeben. Aber mein Bruder nicht, und Arbeitskollegen, naja, das kam auf die Prioritäten im Kapitalismus an, wenn man muss, dann muss man halt, aber dann kann man ja das System von innen unterwandern noch. Aber jetzt, jetzt sind die Grenzen näher, jetzt sind sie schwammiger. Und jeder Querdenker, den wir dann Nazi nannten, er war noch keiner, doch der Vorwurf, er befeuerte den Trotz, (und ja, er mag auch dumm sein, aber er hat auch Wahrheit, zumindest hat er mein Verständnis, wenn wir mal leise die Geschichte lesen und die Grenzen fließend sein lassen…) Wir bekämpfen, und merken es nicht mal, mit all unsrer awaren Rationalität die jenen, von denen ich lernte, was Faschismus ist, und dass das nie nie nie wieder passieren darf. Warum nur sind wir so bescheuert, so kalt und blind geworden, auf dem Auge unsres Herzens. Gottverdammt. Ich will dich wieder, Linke. Ich will Precht hören, und sogar Ulrike Guerot, ich will dem was sie sagen sehr viel abgewinnen, und trotzdem noch dazugehören, teilen dürfen, eintauchen, in diesen Duft des Zornes. Des Kämpfens, des Nicht-Einverstanden-Seins, des enormen Willens, der Überzeugung, vor allem, für das Richtige. Dem Wille zur Veränderung, zu radikaler, bis an die Wurzeln blickender Veränderung.

Ich will dich zurück, meine Linke, wo bist Du?

Uns gehen die Worte verloren

Uns gehen die Worte verloren. Um manche Worte ist es nicht schlimm. Sie werden abgelöst. Und sind ein Zeichen der Zeit. Um manche ist es schade. Bandsalat. Es waren schöne Worte. Aber vielleicht muss man das einfach nehmen, das ist Sprache eben. Ein Spiegel und Kreateur der Zeit, gleichermaßen. Wie auch immer. Um manche ist es nicht so dramatisch, dass wir unbedingt aufhorchen sollten. Aber um manche, um manche eben schon.

Frieden. Wahrheit. (Sehen Sie, haben Sie den kurzen Moment gespürt, in denen etwas in Ihnen zurück gewichen, oder zumindest in einen Millimeter der Abwehr oder der Sehnsucht gegangen ist? Nur einen kleinen Moment…? Uh, eines dieser „großen“ Worte, was mag jetzt kommen…?)
Sicherheit. Freiheit. …
Ich will es verdeutlichen:

Frieden.
Können Sie persönlich einem Gespräch zuhören, in dem das Wort Frieden fällt, ohne dass Sie sich so etwas fragen wie: …“naja, erstmal abwarten…welcher Friede ist gemeint.?“
Und ich meine damit nicht Gespräche mit Menschen, deren Wahrheiten Sie absolut teilen und von denen Sie sicher sind, dass diese die Ihren teilen. Ich meine einfach gesellschaftliche Gespräche. In einer Bar am Nebentisch. In der Straßenbahn. Im Café. Horchen wir nicht kurz auf, zumindest sofern wir mit diesem Wort aktuell irgendwie in Resonanz stehen, und begegnen dem Wort Friede mit einer mindestens anfänglichen Skespis? Wer sagt da gerade Friede? Wer benutzt dieses Wort? Also wenn die Antifa dieses Wort benutzt ist es sicherlich etwas ganz anderes als ich mit Frieden meine, ts, Waffen für den Frieden, na klar? Friedenstauben, eigentlich inzwischen im ersten Augenblick eher ein Gedanke von: Ok. Naja. Alles klar. Ich wette drei zu eins dass die auch AFD wählen. (Und in erschrecken großem Prozentsatz vermutlich leider Recht haben…) Das Wort Friede, ist es nicht längst zu einem Diskussionsgegenstand geworden? Ein Aspekt, dessen Facetten und Interpretationsspielräume man erst einmal ausloten muss um zu wissen, ob man es unterschreibt? Und habe ich nicht „Frieden“ kennen gelernt, zumindest auch noch im Zusammenhang mit einer (weißen) Friedensfahne? Eine Kapitulation / um des Friedens Willen? À la: „Okey, okey, Frieden, du hast gewonnen. Könne wir jetzt wieder Freunde sein?“ (Oder meinetwegen: „[…] kann ich jetzt einfach weiter mein Bier trinken“? oder eben auch: „[…] ich habe keine Mittel und keine Lust mehr Krieg zu führen“?)
Wie auch immer geartet, ich habe Frieden (noch) als etwas kennengelernt -und zum Glück auch im Laufe der Zeit auch wieder als etwas kennen gelernt- was schon allein durch das Aussprechen des Wortes eine Art Stimmung erzeugt. Eigenartigerweise halt auch immer eine Stimmung die, naja, friedlicher war als vorher…!
Und wo ist das hin? Dieses Wort? Also,… d i e s e s Wort… ?

Wahrheit
Um Himmels Willen. Die Wahrheit. Mir zieht sich alles ein wenig zusammen, wenn ich das Wort „Wahrheit“ höre… Ein unfassbar mit: Streit verbundenes Wort auch. DA die Wahrheit ja so ist, handelst Du falsch. Ergo. Sum. DA die Wahrheit ja so ist, ist DIES die einzig sinnvolle Entscheidung. Was wurde über Wahrheit gestritten und getriggert, meine Güte. Und zwar von allen Seiten! Das Robert-Koch-Institut. Eine Brandmauer der Wahrheit. Aber keine Sorge. Auch Telegram-Kanäle, Videokanäle, die versucht haben auf Teufel komm raus finanziell genauso gut ausgestattet auszusehen wie ein ARD Morgenmagazin, und exakt wie ein Deutschlandfunk und eine Böhmermannsendung, nicht einen Nanometer Spaltbreit für die Möglichkeit, man könne sich irren. Die Wahrheit. Hier wird sie postuliert. Und wer diese Wahrheit anzweifelt ist eine Marionette oder ein Abgedrifteter. Was haben wir uns mit der Wahrheit ein Schutzschild gebaut. Weil Wahrheit zu etwas wurde, was dort draußen ist. Wir verbinden Wahrheit mit einer: Faktenlage.
Aber was ist denn mit der Wahrheit in: „Jetzt sag mir endlich die Wahrheit? Warst Du gestern bei ihr oder nicht?“. Oder auch: „Jetzt sag mir doch endlich die Wahrheit, hast Du sie gewählt oder nicht?“ … / … „[…] „wovor hast Du wirklich Angst?“ … / […] warst Du jetzt auf der Demo oder nicht?“ … / […] ist es wirklich, ich meine wirklich Deine Überzeugung, dass es irgendetwas an dem Schmerz ändert, selbst wenn es auch nur ein Mensch weniger als sechs Millionen wäre? Bist Du wirklich dieser Überzeugung? Sag mir bitte endlich die Wahrheit. Würdest Du wirklich wirklich wirklich einem Gesetz zustimmen, welches alle, wirklich alle Menschen dazu zwingt sich gegen Corona impfen zu lassen? Sag mir doch bitte die Wahrheit!?

Wir kennen Wahrheit nur noch als einen Begriff des Journalismus‘. Aber Journalismus hatte NIE das Ziel unsere gemeinsame Wahrheit zu finden. Journalismus hat, oder sagen wir, … also so wie ich Journalismus lieben kann, hat er die Aufgabe und die Gabe, zu sehen, zu hören, zu fragen. Und das Gesehene, Gehörte und die Fragen samt ihren Antworten mit anderen zu teilen. Aber wir reden hier von dem Wort „Wahrheit“! Nicht von der objektiven Wahrheit. Diese Wortkombination ist ein gottesgleiches Oxymoron. Die objektive Wahrheit hat es noch nie gegeben, oder aber ist das große Geheimnis, die roten Menschen nennen es „Wakantanka“. Von der objektiven Wahrheit sind wir so weit entfernt wie ein seine Kinder im Suff schlagender Stiefvater von Mutter Theresa. Die objektive Wahrheit hat es noch nie gegeben, geschweige denn im Journalismus.
Es gibt Dinge, auf die sich einfach so viele Menschen auf der Erde geeinigt haben, dass es einer Exponentialkurve gleicht, die nie, und zwar nie nie nie die hundert Prozent erreicht, aber ihr so nahe kommt, dass einfach alle alltagsnotwendigen Rechnungen von einer Vollständigkeit ausgehen: Wir akzeptieren es als vollständige Wahrheit. Die Erde ist rund. Der Stein fällt nach unten. Deutschland ist ein Land. Der Euro die aktuelle Währung. Diese Wahrheiten sind Konzepte, auf die wir uns geeinigt haben, weil wir ohne eine solche Einigung nicht lebensfähig werden. Es ist gut, dass es diese Einigungen gibt!
Wir aber machen das Wort Wahrheit zu einem Wort, was sich in uns und unseren Kindern auf einer Ebene der Fakten aufhält. Aber Wahrheit. Es war für mich die längste (benutzbare) Zeit ein Wort der Klarheit. Der Ruhe. Der Richtung. Wahrheit war für mich die überwiegende Zeit ein schönes Wort. So wie es Frieden, Sicherheit oder Freiheit auch war. Es war ein Wort was Wärme erzeugt hat und meine Muskeln entspannt hat. Aber das ist es nicht mehr (nur). Und wir sollten vorsichtig sein damit, was wir mit ein paar Worten tun.

Sicherheit.
Was für ein warmes Wort. Ein Wort an dem so gar nichts falsch ist. Solange bis ich Zeitung lese. Oder der Awarenessbeauftragten zuhöre. Sicherheit ist ein Wort des Zu Hause seins. Des Halts. Der Ruhe.
Aber Sicherheit. Wenn ich die Augen schließe und einfach das Wort Sicherheit höre, ich meine an so einem normalen Tag, erster Kaffee, Zeitung, Podcast, Fernseher. Es ist ein Wort der Mauern geworden. Ein Wort der Abwehr. Und ich habe nichts gegen Mauern. Zäune. Wände. Im Gegenteil. Mauern von Märchen. Mauern im Prießnitzgrund. Efeubewachsene Zäune. Ich liebe die Abgrenzung. Denn sie gibt mir: Sicherheit. Ruhe. Hier. Ich. Leben. Aber messen Sie doch mal Ihren Muskeltonus bei einem Nachrichtenbeitrag, in dem das Wort „Sicherheit“ auftaucht, und vergleichen Sie diesen mit dem Tonus beim Hören eines Beitrages, in dem das Wort „Freibad“ vorkommt.

Freiheit
Das Wort, für mich, eigentlich, mit einem seltsamen Flirren verbunden. Die Möglichkeit in einfach jede Richtung atmen zu können. Eine Ahnung, dieses Wort. Und ein Mysterium, für mich. Sie korrespondiert, auf spannende Weise, bei mir zumindest, mit dem Wort Sicherheit. Auch. Dennoch. Ein Wort des Atmen-Könnens. Ich habe auch die Ahnung, das andere eine wesentlich größere oder kleinere Sehnsucht mit diesem Wort verbinden. Manche wiederum fast ein Müssen. Oder eine Gefahr. Und dennoch. Ein schönes Wort. Ein großes Wort.
Aber wir. Was machen wir. Die Freiheit am Hindukusch. Die Meinungsfreiheit. Das Sich-eingeschränkt-fühlens darin. Weil DU, deswegen ist MEINE Freiheit. Was stimmen kann. Ich will gar nicht argumentieren. Nur suchen, nach diesem schönen Flirren, was dieses Wort doch auch hatte. Doch inzwischen: wer war es, Rosa Luxemburg? Hannah Arendt? Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden und so? Ich teile das, es ist eine bestechende Logik. Aber darum geht es mir nicht. Was ich meine ist die Anspannung im Wort versus der Schönheit.


Die Worte selbst, sie gehen nicht verloren. Die Buchstaben, sie werden noch eine ganze Weile bleiben, sie gehen nicht so schnell verloren. Aber manche Worte, sie haben, sie hatten zumindest, und ich will sie zurück: Eine Atempause. Sie hatten etwas, was keine Definition der Welt einzufangen in der Lage war. Sie hatten, haben, eine klitzekleine Eigendynamik. Und diese Worte, wenn Sie mich fragen:
Sie sind wichtig. Sie sind nicht umsonst: „groß“.

Das heißt nicht, zumindest nicht per se, dass man ihren Umgang sofort mit einem Gedanke der Sparsamkeit verknüpfen muss. Zumindest nicht vor Kindern. Oder zumindest dürfen Kinder diese Worte meinetwegen inflationär benutzen. Aber Kinder merken doch sowieso früher oder später, dass es große Worte sind, anhand der Reaktion ihrer Eltern: ein „Uff, Schatz, da fragst Du aber was“. Wir brauchen keine Angst vor diesen Worten in den Händen von Kindern haben. Wir sind es, die diese Worte füllen. Vergessen Sie unsere Kinder für einen Moment.
Aber es gibt Worte, die sind groß. Und das sind nicht übermäßig viele. Wir müssen die Sache auch nicht überdramatisieren. Es sind ein paar Worte. Nur ein paar. Warum können wir diesen Worten nicht ihre Energie lassen. Eine Hecke um sie pflanzen. Eine demütige Grenze darum ziehen. Freiheit. Sicherheit. Frieden. Wahrheit. Schönheit. Kein Kitsch. Keinen Vorwurf. Kein Belächeln. Kein subtiles Genervtsein. Einfach ein klein wenig Demut und die Fresse halten sonst. Lasst diese Worte in Ruhe. Diese Worte sind mit Wärme gespeichert. Oder sollten es sein. Nehmt andere Worte. Es ist auch wichtig, dass es Worte gibt die der Kälte Ausdruck verleihen. Das ist wichtig. Aber dann nehmt eben die dafür gedachten oder dafür geeigneten Worte. Aber lasst diese Worte in Ruhe. Allesamt. Singt sie in Liedern, die ihr Euren Kindern vorsingt, lasst sie ein Wegweiser für Sehnsucht sein. Aber lasst sie in Ruhe mit Eurer reinen Rationalität. Diese wenigen Worte sind doch ein klein wenig mehr als nur Buchstaben.

Und wissen Sie…!?
Es gibt noch ein Wort, das hüte ich wie ein Kuscheltier, was immer wertvoller wird, je mehr Kuscheltiere neu hinzu kommen. Es gibt noch ein Wort das ist noch so atemberaubend unangetastet von unserer immensen Fähigkeit, jedes schöne Wort madig zu machen oder auf eine Seite zu stellen. Es gibt ein Wort, das wir alle noch benutzen, aber in das maximal der Kitsch wirklich ernsthaft zu einer störenden Komponente geworden ist, aber der Kitsch hat zum Glück noch nie ernsthafte Waffen in die Hand bekommen. Ich liebe es, wenn ich nach einem langen Tag ins Bett gehe und die Wärmflasche unter meinen Füßen spüre. Ein Wort, was noch nicht ernsthaft betroffen ist, von der Inanspruchnahme rationaler Krampfigkeit. Und ich will es gar nicht weiter ausführen. Dieses Wort hat längst unter den Spirituellen Einzug gehalten, aber irgendwie hatte es die Gabe, immer davon gekommen zu sein von ernsthaft vernichtenden Urteilen, weil vermutlich Worte wie „Harmonie“ dafür in die Presche gesprungen und Angriffsziel aller von der Spiritualität genervten oder beleidigten Menschen geworden sind. Aber es gibt noch ein Wort, das sollte ich einfach gar nicht weiter in meine Ausführungen verloren gehender Worte mit einbeziehen. Gleichwohl. Ich bin so froh dass es dieses Wort noch gibt. Selbst die Kirche hat es nicht in Gänze kaputt gekriegt. Ich liebe diesen kleinen Augenblick absoluter Stille.

Dörte Hansen / Altes Land

Ich schreibe diese Überschrift nur, für den Fall dass es irgend ein Algorithmus findet, eher findet, ich möchte platzen, ein Tag so hochfrequent wie die Rechenleistung einer KI, in Bruchteilen einer Sekunde, Ergebnisse, nur dass meine Ergebnisse allesamt noch verwoben sind mit Mensch, mit mir, mit Empfindungen. Es ballert durch mein System, ich lese Dörte Hansen, i love it, und dennoch werde ich wütend beim Lesen. Sie schiebt alle meine Synapsen nach vorne, ich kann nicht aufhören zu lesen und zeitgleich kann ich kaum weiter lesen weil jede Zeile in seiner Sprache nachvibriert, Vergleiche, Formulierungen, ich möchte Danke sagen die ganze Zeit, und dennoch denke ich: die Negativität gewinnt so viel leichter Fans, Sarkasmus, Tragik, gehauchte Düsternis, sie alle treffen unsren Nerv und ich möchte wüten, durch die ganze verdammte Lyrik, Poetry Slams am Stück, weil das Glück, der Rausch des Ja, die Liebe, die leise Erkenntnis, alles das was Antwort gibt und milde ist, ebbt ab, zum Schluss. Es verklingt. Scheint resonanzlos.

Ich möchte dieses Spiel gewinnen, ich glaube das ist alles. Und dieses Spiel heißt Leben, und ich kann verlieren, ich werde mich geschlagen geben, wenn es sein muss, aber erst wenn es sein muss. Ich glaube nicht an das Gute, ich hoffe nicht auf Erlösung, ich will einfach nur mitspielen, und ich sehe noch immer ungespielte Karten. Es macht mich wahnsinnig. Wir schimpfen auf alles, inklusive uns selbst, wir negieren, werden hart, wütend, schwach, ohnmächtig und fassungslos. Aber weich, und stark. Das will ich sein. Flüssig wie Wasser, voller Macht, wenn es fließt. Wenn es fällt. Wenn es formt. Wenn es weiter darf. Meine Tochter hat ihr Armband verloren. Es ist abends halb zehn, ich sehe, wie sie zwei Strategien hat: sie vergrößert die Trauer bis hin zur Krise, zum Absoluten Drama, sie verliert die Kontrolle an all die Bilder wie das Armband jetzt am Strand liegt, weit weg, und nie mehr wieder kommt, sie potenziert den Schmerz bis er alles einnimmt und größer wird als sie, bis sie Aua schreit im Auto, meine Brust, schreit sie, tut weh, sie kollabiert, nahezu, oder aber dann: wenn ich kühl werde, angestrengt, wütend, dann krampft sie sich zusammen, sie beißt die Zähne aufeinander bis es schmerzt, ich kann bis an mein Lenkrad fühlen wie ihr Bauch zu Stahl wird, kalt und fest, es fordert Kraft, die sie nicht hat, sie geht kaputt daran, das Verlieren eines Armbands wird zu einem Ding, was Angst macht. Und ich sage nein, nein, nein. Nicht diese, und nicht jene Strategie, sie beide machen Dich kaputt! Das Loslassen, Verlieren, das Entbehren, es gehört dazu, zum Leben. Die Traurigkeit, sie auch. Aber ich will nicht Stahl, ich will das Drama nicht, ich will das Fließen und die Wärme. Das ist es, was uns groß macht. Was uns mitspiel’n lässt, am Leben. Das Armband, es ist weg, da beißt die Maus den Faden nie mehr ab. Doch du bist müde, Tochter, und es braucht Wärme. Nicht Verbrennen. Und es braucht Kraft, nicht Kälte. Das Loslassen, es ist ein Akt des Fließens, nicht des Haltens. Du wirst noch mehr verlieren, sag ich ihr, im Leben. Du wirst Freunde haben, Dinge, Tiere, und Momente. Die Du gehen lassen musst. Wenn du verbrennst daran, und wenn du kalt wirst, so wie Stahl, dann sprichst du nach, den Psalm von Opfer und von Täter. Das Armband ist nicht Schuld, die Mutter ist es nicht, und Du, Du auch erst Recht nicht. Und wenn Du Wärme kriegst, (von mir, solange Du noch jung bist, später dann von Freunden, Bäumen, Atem und Familie), dann bleibt das Bild, des Armbands, doch die Angst, sie geht. Das Halten, es darf weichen. Und dieses Bild, vom Armband, es wird lehren Dich, beim nächsten Armband Acht zu geben: wo es ist, wenn Du es ablegst, und ob es da ist, wenn Du Deinen Platz am Strand verlässt und Deine Sachen packst. Doch wenn Du drüber gehst, wenn Du verdrängst, und es als ungeliebte Sache in den Keller packst, dann bleibt kein Bild, von Deinem Armband, denn es liegt im Keller, und dann wirst das nächste Armband Du erneut verlieren, und der Keller wird sich füllen bis er das Erdgeschoss erreicht.

Mehr ist wenig

Und wir tanzen jeden Abend wieder. Sachte. Wir suchen weiter, auch nach einer neuen Zeit. Wir verabreden uns, wir „gehen aus“. Wir suchen Partys, fragen nach Veranstaltung. Nach Festen. Nach Events. Oder wer heute noch etwas zu Kiffen hat. Und an jeder Ecke, ev’ry Weekend, findet etwas statt. Zumindest in der Stadt. (Die mir zuwider wird, allmählich, aber wirklich.)

Und wir suchen weniger nach mehr. So scheint mir. Ich zumindest, suche weniger. Denn wenn ich suchte, war es immer etwas, was ich ahnte, sah, erspähte, weit entfernt. Und davon suchte ich dann: mehr. Die Gier, sie ist nicht böse. Rastlos, maybe. Unruhig. Doch die Gier, sie ist nur Hunger. Und der Katze, ausgehungert, ihr gib niemals einen vollen Teller. Gewöhn‘ den Magen langsam an die Nahrung. Sag ihr sacht: Dein Hunger wird gehört.

Und vielleicht, tat uns der Stillstand gut. May be. Der Lockdown. Oder vielleicht etwas ganz andres. Doch heute, schien mir, (und es ist ja immer Wahrheit, worauf der Scheinwerfer gerichtet ist…), heut da schien mir: Mehr ist wenig. Und wir brauchen mehr. Von Zeit zu Zeit. Doch Mehr, ohne das Innehalten, es ist wenig. Ein bisschen mehr wird Viel, wenn ich mein Herz daran gewöhne. Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde, und lass dich, wenn du willst, auf etwas neues ein.

Du liebst nicht mehr, Lamm, als der Wolf

Da muß es erst nachts um eins werden. Und da müssen wahrscheinlich erst drei Jahre vergehn, die wir getrennt sind. Und dennoch sind wir immer noch nicht ganz getrennt. Wir trennen uns noch immer. Und nachts um eins, da löst sich wieder ein ganz kleines Stück. Schwenke ich die Kamera ein Stück hinüber, und lockere somit ihren Griff, und löse noch ’ne Haut von dieser Zwiebel ab, die mir noch immer ein wenig in den Augen brennt. Herrje. :

Du, der du immer der Sanftmütige warst. (Und bist.) Der Verstehende. Der mich bedingungslos liebende. Der Akzeptierende. Der Ruhepol. Und ich die, die immer wollte. Immer suchte. Nie zufrieden war. Und sich entwickeln wollte. Wünschte. Sehnte. Suchte. Und ich, mit meiner Suche, Deine Ruhe nur verstärkend. Und anfangs war mir Deine Ruhe solch ein Hafen, und alles Sehnen floß durch meine Hände, meine Haut, auf Deinen Körper. Und Du, so durstig nach der Nähe, durftest nehmen, haben, das Geschenk behalten. Und von der Nähe eigentlich nie satt, auf die Nähe immer hoffend, dafür gabst Du mir, was Du am besten konntest: Du warst Ruhe. Akzeptanz. Hörtest zu. Warst Hafen. Liebtest mich bedingungslos. Anscheinend. Aber dann, mit meinem Wollen, Suchen, Sehnen, suchte ich natürlich auch bei uns. Bei Dir. Wollte weiter wachsen, wollte mehr, als das was ist. Wollte Hand in Hand die nächste Stufe. Aber Du, Du nicht. Warum Stufe. Und wohin. Hier ist es doch so warm. So gut. So nah. Lass uns doch Zeit und so. Ich: sehne mich aber so sehr. Nun ja. Und wenn ich wollte, hieltst Du nach und nach den Atem an. Schon wieder wollen, mehr als Nähe, Sie will immer so viel. Schon wieder. Und wo ich erst noch von der Welt etwas ersehnte, suchte ich jetzt was in Dir, konkret, in Dir. Und mir. In uns. Wünschte mir etwas, was noch nicht war. Was ich nicht sah. Und aber sehen wollte. Und da begann der Kreislauf, den wir vielleicht von Anfang an schon tanzten. Ich suchte, wollte, und Du hieltst den Atmen an. Und dein Zögern war mir eigentlich nur Wind in meine Glut und oben einen Deckel drauf. Warten. Nicht wollen dürfen. Weil ich Dich ja ganz genau so lieben will wie einst. Wie anfangs. Wie Du bist. Ich will nicht immer wollen. Will nicht immer suchen. Will die Nähe wieder die so frei, so ohne jedes wollen explodieren konnte. Aber die Sehnsucht in mir wuchs, mit jedem Zögern, jedem Schweigen, jedem Warten Deinerseits. Und die Unterschiede die uns lockten, uns verschmelzen und dann explodieren ließen, wurden uns also zum Verhängnis.

Und jetzt sind wir längst getrennt. Und noch immer, mehr denn je, macht es mich rasend, wenn Du Dich mir entziehst. Dich verweigerst, jeder Frage, jedem Zorn, jedem Ärger, jedem Vorwurf. Ausweichst. Aufschiebst. Heute werd ich Deine Email nicht mehr lesen. Und ich atme. Schweige. Schließe meine Augen. Denn es ist Dein gutes Recht. Es ist Dein Recht und ach ich weiß doch um den blöden Mechanismus. Dass je mehr ich will, je mehr ich ziehe, desto mehr: you disappear. Verschwindest. Bringst zum Erstarren jede Leichtigkeit. Und so zwingst Du mich, nichts mehr zu wollen. Du bist nicht ungerecht. Niemals. Was Du mir zugesagt hast hältst Du, und jede Regel, jede Abmachung die steht. Nur: wenn ich Dich anders will. Wenn ich zornig bin, entkräftet, wütend, müde, angenervt. Dann bist Du fort. Dann bist Du Luft. Atem, der gefroren ist, sich nicht mehr regt.

Ich bin es müde. Dieses Kämpfen. Und es ist dumm. Ich möchte nur, der Fairness halber, hier erwähnen, dass du genauso kämpfst wie ich. Dass Dein Erstarren, all Dein Rückzug, Deine Stille, dieses schwarze Loch, dass es genauso kämpft wie ich. Dass all mein Wollen, Sehnen, Warten, Wüten, Hoffen, dass es auf ganz genau der selben Münze steht, nur rückseitig, wie Deine Lähmung. Deine Ohnmacht. Deine Angst. Dass auch Dein Rückzug, genauso wie mein Toben, keine Grenze zieht, und gar nichts ändert. Und dass ich sehr wohl geliebt hab, wenn ich sehnte, dass ich bis oben hin voll Liebe war, mitsamt der ganzen Suche und dem Wollen. Nur als ich begann zu hoffen, dass Du mein Sehnen minderst, als ich begann nur das zu sehen, was besser wär‘, wenn du ein andrer wärst, da war mein Herz im Kopf, und die Liebe konnte nirgens hin. Und ebenso hast Du mich in der Tat geliebt, als Du gelauscht hast, meinem Drängen, meiner Suche nach den schön’ren Orten dieser Welt. Aber als es Dich auch einschloss, meine Suche, und als Du den Atem anhieltst, da, da hörtest auch Du auf, zu lieben. Denn Liebe atmet. Und zieht Grenzen. Liebe flieht nicht und sie kennt die Wut. Aber Du liebst mich nicht bedingungslos, wenn Deinem Herz der Atem stockt und Du versuchst, dem nächsten Vorwurf zu entflieh’n. Du liebst nicht, wenn Du Angst hast. Und ich lieb Dich nicht, wenn ich darauf warte, dass Du endlich mutig bist.

Kunst, Struktur und Alkohol

Ich sollte Gitarre üben oder längst im Bett sein. Stattdessen mische ich dem restlichen Portwein in meinem Blut noch etwas Sekt hinzu und schreibe. Schön, genauso muß es sein, höre ich die postbohemischen Spätaufsteher sagen, als wäre Kunst irgendwie verbunden mit Rotwein und verrauchten Zimmern. Warum nur, habe ich mich gestern und gerade eben wieder gefragt, greife ich nach einer alkoholischen Abstinenz, die meinen Geburtstag und ein ganzes Festival überstanden hat, dann doch wieder zum Alkohol, und zwar just dann, wenn irgendetwas aus mir heraus und das auch gerne Kunst genannt werden will? Ich glaube wir greifen nicht zwangsläufig zum Alkohol aus Langeweile oder um Probleme zu ertränken, oder um mit einem Strom mitzuschwimmen. Ich glaube Alkohol ist eine Droge, die auch jedwede Intensität in uns leichter in einen Kontext setzen oder einfach leichter nehmen lässt. Vielleicht trinken wir Alkohol nicht, damit etwas intensiv wird, sondern auch weil etwas intensiv ist. Weil wir damit keinen Umgang kennen gelernt haben, weil wir dann nicht wissen wohin mit uns, wohin mit Intensität. Und vielleicht trinken wir Alkohol nicht, damit irgendwas intensiv-kreatives aus uns heraus kommt, sondern weil es in uns drin ist, und wir damit nicht umgehen gelernt haben, daß es raus will, daß es raus kommt und was wir machen wenn es draußen ist. Weil wir spüren, da ist etwas in uns drin was hinaus will und der Alkohol dämpft die Wogen, setzt alles in einen beliebigen Kontext und lässt uns Intensität mit einer Leichtigkeit ertragen, die deren Gefühlsspitzen zulässt, ohne daß wir das Erlebnis in seiner Gesamtwelle großartig in unser System integrieren müssen. Vielleicht meinen wir, mit Alkohol sei ein Erlebnis mit mehr Freude oder Heiterkeit durchdrungen, aber in Wahrheit ist die Freude längst da, wir haben nur mit ihr keinen Umgang gelernt, keinen, der die Freude zulässt und uns davon berühren und erfassen lässt. Oder die Trauer. Oder die Intensität.

Nur die Krux an der Kunst ist, sofern man irgendwann entscheidet, sie in die Welt hinaus zu lassen, sie als vorzeigbaren Output seiner Selbst wissen zu wollen, daß sie, sobald sie einmal Output ist, dann auch in irgend eine Struktur muß, wenn sie denn sichtbar werden will. Wenn sie denn gezeigt können werden will. Sie muß in irgendeine Form gegossen werden, die verschenkt, verkauft, angeboten werden können muß. Die eine Hälfte der Fähigkeit eines Künstlers, der oder die davon leben können will, besteht in der Kunst selbst. Die andere Hälfte der Fähigkeit besteht darin, sie irgendwie präsentieren zu können. Die Bilder selbst sind vielleicht mehr oder weniger einfach gemalt, für die, die es beherrscht, aber bis die Bilder dann in einer Galerie landen, in einem Wartezimmer, einem Museum, an einer Wohnzimmerwand, dazu braucht es eine ganz andere Fähigkeit, als die des Malens, Zeichnens, Kreierens. Es braucht, neben dem Wille zur Selbstbehauptung, neben dem Ja zu sich selbst, auch: Struktur. Der Song lässt sich schreiben, leicht oder schwer, aber er lässt sich denken. Aber er muß dann auf eine Plattform, beworben werden, angepriesen, gegossen, in eine Form, hergestellt, aufgenommen, vertont, bearbeitet, ausgestellt, verschickt, gepresst, gerahmt, foliert, beschriftet werden. Die Idee selbst, sie berauscht mich schnell, auf dem Klo, beim Spazierengehen, während eines Gespräches, beim Yoga, in der Meditation, die Idee ist immateriell und intensiv bisweilen. Sie kommt mit, aber auch ohne Alkohol. Die Idee sie enthält Lust, sie enthält Liebe, sie enthält Zauber. Aber erst in einer Struktur wird sie greifbar. In Buchstaben. Rahmen. Einsen und Nullen. Im Material. Auf einer Leinwand. Erst dort wird dieser Zauber erkennbar. Transportierbar.

Und dieser Schritt ist es, den ich scheue. Denn in ihm werde ich sichtbar. Dieser Schritt ist es, der mich zum Alkohol greifen lässt. Denn ich habe noch keine Übung in ihm. Ich habe keine Übung mit der Intensität, die sich freisetzt, wenn etwas Form gewinnt. Wenn etwas implodiert. Und Halt gewinnt. Gestalt annimmt. Wenn ein Teil meiner Selbst sichtbar wird. Es gibt viel, sehr viel Struktur in dieser Welt. Sehr viel Form und Gestalt. Sehr viele Grenzen. Sehr viele Rahmen. Aber wenige von ihnen enthalten Zauber. In wenigen von ihnen ist Lust und Liebe sichtbar. Fühlbar. In wenigen von ihnen ist Wesen zu sehen. Doch das ist die Kunst. Zumindest die, die ich machen will. Struktur, in der das Leben weiterhin atmet. In der meine Lust sichtbar ist. In der Aspekte eines Wesens sichtbar werden. Ein Gegenstand, der lebt. Und dieses Gießen, in eine Form. Das schaffe ich bislang nur nachts viertel zwei. In Sekt getränkter Mut, der Schülerin ist. Flüssiges Koks, was mir sagt, daß ich das auf alle Fälle probieren darf. Daß ich es wert bin. Daß es auch irgendwie grad scheißegal ist, weil ich einfach Bock habe. Scheiß auf morgen früh.

Ach Ethanol. Du bist der Rollator für mein künstlerisches Rückgrat. Hab Dank für die Stütze bis hier hin. Ich möchte ohne dich gehen lernen.

Corona Tagebuch x punkt ypsilon

Ich weiß nicht mehr welche Version. Irgendwie programmierts mich langsam neu. So viel geschieht. Und doch im Außen noch alles scheinbar wie immer. Es ist zwei Tage vor der Bundestagswahl. Die Außenwelt und das Geschehen kommen näher an uns heran. Corona bricht die bisherigen Eindeutigkeiten von Zugehörigkeiten und Seiten auf und schwärmt in unsere Beziehungen. Und wir sind miserabel in unseren Beziehungen. Wenn uns irgendetwas das Genick brechen wird, wird es nicht Hochwasser und auch kein Virus sein. Sondern unsere Beziehungen. Vielleicht geschieht es nicht. Ich weiß es nicht. Aber ich habe das Gefühl wir sind hundsmiserable Autisten was unsere Beziehungen angeht. Und das ärgert mich an der AfD. Ich teile erschreckenderweise viele ihrer Meinungen, oder kann ihnen zumindest etwas abgewinnen, ich kann sie nicht per se dementieren. Aber jeden den ich von der AfD treffe will seine Haut retten. Seine zuerst. Und dann die der Seinesgleichen. Und das deprimierende ist, daß als Alternative dazu immer nur eine verpflichtende Solidarität steht. Ein Muss zum Wir. Eine Verurteilung des Egoismus. Eine Verpflichtung zum Sich-Öffnen. Und das funktioniert natürlich nicht. Ein Herz was sich nicht öffnen will vergewaltigt man, wenn man es zum Öffnen zwingt. Aber die AfD zieht die Mauern so sehr um das Individuum, daß keine Beziehung mehr möglich wird. Aber naja, scheiß auf die AfD erstmal. Jetzt erstmal. Auch ohne sie sind wir so erkrankt, finde ich. So verwundet und ungelernt. Beleidigt, verletzt, beschämt oder im besten Falle schüchtern. Und wir halten uns mehr und mehr an irgend einer Wahrheit fest. Wahrheit ist so beliebig geworden. Wir halten uns an irgendwelchen Argumenten fest wie an losen Ästen. Und der öffentliche Diskurs, die landläufige, flächendeckende und von irgendeiner seltsamen Schablone der Allgemeinheit abgedeckten Meinung hat sich genauso für eine Wahrheit entschieden. Und welche Argumente wir finden, steht lange fest bevor wir sie suchen. Unsere Meinung steht lange fest noch bevor wir die passenden Argumente dafür finden. In uns bewegt sich etwas, unterhalb unseres Bewusstseins, unterhalb dessen, wo wir hinsehen, eine Sehnsucht, eine Angst, eine Unzufriedenheit, und die ist es, diese Gefühle sind es, dieser Ort des Bewusstseins ist es, aus dem heraus dann ein Arm nach der dazu passenden Wahrheit greift. Und der Markt ist so bunt. Es gibt inzwischen jede Wahrheit, ich weiß nicht mehr wie ich sie unterscheiden kann. Ich bin nicht mehr imstande die richtige von der gefakten zu unterscheiden. Was mich viel mehr interessieren würde ist, welcher Teil in Dir hat zu dieser Wahrheit gegriffen? Aber dort sehen wir nicht hin. Wir sehen nicht in uns hinein. Wir schauen nicht mehr in den Spiegel. Wir stehen da und sind überzeugt. Und wir kämpfen oder scheuen uns vorm Kampf, wir fliehen oder verharren. Hauptsache wir müssen nicht mehr hinsehen. Wir finden die Wahrheit, daß die Klimabewegung gelenkt ist. Wir finden die Wahrheit, daß dieses Virus gefährlicher ist als andere. Wir finden die Wahrheit, daß das einigen Entscheidungsgebern im Hintergrund gerade sehr gelegen kommt, was hier passiert. Und diese Wahrheiten lassen sich alle finden. Sie lassen sich finden! Ich bin jedenfalls nicht imstande sie zu widerlegen. Aber wir wollten sie finden. Und wir haben sie gefunden. Was eigentlich in uns vor geht, die Unzufriedenheit, die schon so lange und hartnäckig in uns rumort, und die wir einfach nicht imstande sind zu bewältigen, die schauen wir nicht mehr an. Die haben wir ja auch schon so oft angesehen. Irgendwann muss ja mal gut sein. Die wabert in unserem Inneren und bildet Metastasen, aber jetzt haben wir eine Antwort. Dort draußen ist die Antwort. Hauptsache DORT DRAUSSEN. Im Tun, im Machen, im Unterlassen, im Agieren, im Weitergehen, im Kämpfen, im Rauchen, im Arbeiten, im Trinken, es gibt immer was zu tun, jetzt mehr denn je. Aber uns. Uns schauen wir nicht im Spiegel an. Wir halten nicht inne und bewohnen unseren eigenen Körper, schenken der eigenen Unzufriedenheit einen Kanal, einen Kanal ohne Schuld. Weil alles immer weiter gehen muß. Und weil wir ja so gut Bescheid wissen. Wir wollen nicht irren. Wir wollen nicht schwach sein. Wir wollen nicht fühlen.

Aber was, wenn wir uns irren?

Corona Tagebuch 2.1.

Es beginnt mich zu nerven. Es beginnt alle zu nerven. Wenn ich nicht selbst ein Homo Sapiens wäre, und wenn ich nicht so verdammt soziophil wäre, mir würde allmählich der Geduldsfaden reißen. Dieser pubertierende Homo Sapiens. Auf einem Flyer in meinem Briefkasten steht Es reicht. Oder irgendsowas. Jetzt werden wir langsam richtig wütend. Aber was ist denn das für eine Wut? Wo geht die denn hin? Ich seh sie nicht. Ich schaue kein Fernsehen, auch keine Nachrichten, kein Youtube. Da ist überall nur diese alberne Wut gegen irgendwen da oben. Das langweilt mich. Und ja. Ja. Durchatmen. Es stimmt. Ich habe keinen Einzelhandel, kein Unternehmen, und bestimmt auch kein Hotel, ich habe keinen Friseursalon und kein Bekleidungsgeschäft was gerade steil den Bach runter geht und bald weder meine Wohnung noch essbares Gemüse bezahlen kann. Ich habe das nicht und wahrscheinlich sähe ich die Welt dann anders. Aber jeder sähe die Welt anders, würde er in einer anderen Leben. Herr im Himmel. Ich finde auch nicht mal, daß wir einander nicht zuhören. Aber wir hören uns selbst nicht zu. Wir lauschen nicht in uns hinein. Wir haben irgendwas in uns drin, meinetwegen auch Wut, ich habe überhaupt absolut gar nichts gegen Wut. Aber wir lassen sie nicht raus. Wir schießen sie irgendwohin, um sie loszuwerden. Wir lassen sie nicht. Und auch nicht raus. Wir wollen sie aus unserem System eliminieren ohne sie anzusehen. Wir sehen uns nicht im Spiegel an. Wir haben keinen Mut uns selbst zu lieben. Wir reden uns gut zu. Wir optimieren uns. Wir ignorieren uns. Wir sanktionieren uns. Wir rechtfertigen uns. Und wir sind unehrlich mit uns. Denen da oben, einem Fremden, die Meinung zu sagen, die Wut zu zeigen, auf einem Demoschild, einem Telegram-Kanal, einer Unterschriftenliste, das ist viel leichter, als einer Freundin. Oder sich selbst. Auf einer Yogamatte oder im Spiegel oder an Papas Geburtstag. Wir sind einsam und das Leben ist schwierig wenn man sich einmal beginnt Fragen zu stellen. Vielleicht hat ja Querdenken so viele Menschen versammelt, weil es wieder eine Hoffnung gab, endlich Freunde zu finden. Gleichgesinnte. Ein neuer Anfang. Éine neue Euphorie. Aber auch diese Freunde lädt man irgendwann zu sich nach Hause ein. Und dann stellt man sie seinen Nachbarn vor. Oder den Kindern. Oder den Eltern. Und dann wird es wieder die alten Konflikte geben. Weil wir es sind. Weil wir fühlende Wesen sind. Weil wir Menschen sind. Weil wir Liebe suchen. Weil wir lieben wollen. Und ich habe die ganze Zeit schon gesagt, daß dieses Deutschland zu groß ist. Zu groß um darauf stolz zu sein. Zu groß um mich darin heimisch zu fühlen. Und viel, viel zu groß für einen Konsens. Demokratie stellt keinen Konsens her. Aber wir sehnen uns nach Konsens. Nach Übereinstimmung. Nach Resonanz. Nach einem zu Hause. Doch nicht jeden Tag. Doch nicht immer. Um Himmels willen. Aber auch. Nach sinnvollen Entscheidungen. Aber mit 80 Millionen Menschen kann man doch keine Entscheidung treffen, die für alle sinnvoll ist. Wie soll denn das mathematisch gehen??? Und was ist denn das für eine Entscheidung, die für die einen so halb geil und für die anderen so halb scheiße ist? Das ist doch keine sinnvolle Entscheidung? Und die ganze Zeit leben wir in so einem riesigen Konstrukt, was dann natürlich irgendwen braucht der das organisiert und steuert und lenkt, und dann regen wir uns auf, daß das scheiße ist, wohin da gelenkt wird. Aber das ist doch die ganze Zeit schon scheiße. Aber jetzt proklamieren es plötzlich die einen und ignorieren es die anderen. Der Homo Sapiens hat eine überdimensionale Kamera auf eine Krankheit gehalten und jeden noch so kleinen Schritt von ihr gefilmt und seine Daten dann mit Spezialeffekten auf absolut jeden Bildschirm dieser Erde übertragen. Da muß man ja Angst kriegen. Und da muß natürlich auch irgendein Entscheidungsträger, der zu jedem Bild was sagen soll und dann bitte mit seiner Macht genau richtig umgehen und die absolut richtige Entscheidung treffen soll, der muß doch dann die falsche Entscheidung treffen, es kann doch dann überhaupt keine richtige Entscheidung geben. Das waren doch auch davor schon die ganze Zeit bescheuerte Entscheidungen. Natürlich macht das alles was mit uns. Herrgott ich versteh das alles nicht. Dieses bekackte Covid und diese Wut die ich nicht sehe weil ich nicht sehe worauf sie ruht. Ich sehe keine Trauer darunter, keine Freiheit, keine Ohnmacht, keine Angst, nur ein bisschen Einsamkeit vielleicht. Aber die ist ja jetzt auch schnell wieder getilgt weil man ja jetzt neue Freunde gefunden hat oder sich mit den alten in sein schwarz-weiß-Bild von der Welt zurückgezogen hat. Und weil es überall Internet gibt. Jetzt, wo ich mir endlich etwas Ruhe wünsche, um mich selbst zu verstehen, da wird alles so laut und so komisch und so schnell. Und das alles in diesem absurden Stillstand eines Lockdowns, der es unseren Bedürfnisse so leicht macht, auf Bildschirme und Gedankenkonstrukte zu fliehen und sie in Alkohol und THC zu ertränken. Den ersten Lockdown fand ich wunderschön. Die Welt stand still und die Veränderung roch nach tatsächlichem Innehalten. Der zweite Lockdown war light. Der abgekämpfte Postbote brachte Aspartam ins Haus und so schmeckte das Essen trotzdem süß. Der dritte Lockdown wird ein Gefängnis mit offenen Türen sein. Wir werden uns wöchentlich selbst darin testen, wem wir am besten die Schuld geben können. Und wir werden denen die Schuld geben, die an den Strippen ziehen. Wir werden denen die Schuld geben, die sich nicht ordentlich an den Strippen festhalten. Und wenn nichts mehr bleibt können wir uns ja immer noch selbst die Schuld geben. Wer hat es noch gleich gesagt?: In der Geschichte passiert immer alles zweimal. Das erste mal als Tragödie. Das zweite mal als Farce. Vielleicht kommen wir doch noch irgendwann einmal aus unserer pubertären Phase heraus, und vielleicht werden wir dann in der Lage sein, den Zustand zwischen schwarz und weiß auszuhalten.

Corona-Tagebuch 2.0

Zwei Punkt Null. Corona ist in Deutschland etwa zehn Monate alt. In Großbritannien gibt es ein Ministerium für Einsamkeit. Corona hat mir Nils Koppbruch gebracht. n zwanzig Jahren werde ich diese Musik hören und die Erinnerung an mein Ich von 2021 wird mit jeder Note leise in meinen Zellen vibrieren als wäre es eine Woche her. Nils Koppbruch bekommt von alle dem nichts mehr mit und ich bin einsam. Ich sitze zwischen den Stühlen. Wir suchen immer ein Die-da! Wir suchen einen Schuldigen, es ist so viel einfacher damit. Wir suchen einen, wegen dem das alles so ist. Wegen denen da! (Deretwegen…) Weil die das alle so machen. Und ich fühle mich ein bisschen wie das kleine Kind, was ich war, als meine Eltern aufhörten sich zu lieben. Oder wie die junge Erwachsene, als ich ein paar Mal versucht habe, eine Party zu schmeißen und meine Freunde separiert in der Wohnung rumstanden und miteinander nichts anzufangen wussten und ich all die Funken, die nicht überspringen wollten in mir aufsammelte und aufgeheizt und einsam zwischen Sektgläsern, Bier, Joints und Wodka umherlief. Ich möchte Lieder schreiben für all die Seelen aber finde keine. Dieses Virus macht mich pessimistisch. Das nervt mich. Vielleicht verlieren wir das große Spiel ja doch irgendwann. Nun ja. Vielleicht muß ich auch verlieren lernen. Robert hat gesagt, der Homo Sapiens steckt schlicht mitten in der Pubertät. Und ich finde das erklärt einiges. Wir haben vor ein paar Hundert Jahren begonnen, unser Potential zu entdecken, und jetzt schießen wir völlig über’s Ziel hinaus. Wie ein hormonüberfüllter Teenager probiert der Mensch sich aus und testet seine Kräfte, und davon hat er in der Tat genug. Aber ungeübt und übermütig wie er ist brennt er aus Versehen fast sein Haus nieder. Und ist an diesem Tag absolut überzeugt von einer Wahrheit, die er am nächsten Tag durch die nächste, ebenso unumstößliche Wahrheit ablöst. Und er merkt’s halt selber nicht. Und zwischendurch ist er plötzlich dann jung und verletzlich und schüchtern und will seinen Kopf nur auf irgend einen Schoß legen. Und dann gibt er sich selbst an allem die Schuld und hasst sich und weiß doch nichts von Demut. Recht haben wollen wir. Hauptsache Recht haben. Und wenn eine andere etwas anderes sagt, dann bleiben wir stumm und im Stillen lästern wir. Was ist das für ein Blick, den wir uns da heimlich zulegen? Die Augen hinter den Augen zu Schlitzen verengt. Jede glaubt von sich die Wahrheit zu kennen, was maßen wir uns an? Abgesehen davon, daß ich schon immer eine Größenordnung von achtzig Millionen Menschen exorbitant zu groß finde, um irgendwelche sinnvollen Entscheidungen treffen zu können, möchte ich trotzdem nicht auf dem Posten sitzen müssen, der dann, wenn so eine Krankheit anrollt, auf die sich Milliarden von Kameras richten, irgendwelche Entscheidungen treffen muß. Natürlich sind da Entscheidungen dabei, die Nachteile haben. Logisch! Und natürlich sind die Menschen auf diesen Posten immer noch Menschen. Es sind immer noch Menschen, die müde sind nach zu wenig Schlaf, die sich selbst belügen, die dazu lernen, die Angst haben, die Sex haben oder Nähe vermissen. Und diese Menschen haben auch sicher besseres zu tun gehabt, als sich zu treffen und sich zu überlegen, wie sie jetzt am besten einen großen, gut durchdachten Komplott spinnen können, um endlich den Einzelhandel zu zerstören, ein Genom zu verändern und die Pharmaindustrie reich zu machen. Die haben auch einfach nur Entscheidungen getroffen. Und natürlich treffen sie Entscheidungen aus einem Wesen heraus, was in einem System groß geworden ist, in dem es um Recht haben geht und um Wachstum und in dem man niemals Fehler machen darf und wenn doch stellt man sie hinterher als die einzig mögliche Handlung dar. Ich glaube nicht an eine große Strippenzieherin. Aber ich glaube an unendlich viele Strippen, die alle miteinander verflochten sind. Es mangelt uns an Mut und an Empathie wie der Hälfte der Welt an Impfstoffen. Es mangelt an Mut, in einer großen Betriebsversammlung zu sagen, wartet mal, das fühlt sich nicht richtig an. Natürlich gibt es Menschen, die an einem einzigen Tag unfassbar weitreichende Entscheidungen treffen können. Aber diese Menschen stehen auch jeden Tag auf und begrüßen Menschen die lächeln auch wenn sie nicht wollen, sie gehen an einem Pförtner vorbei der meint er müsse ja auch von irgendwas die Miete zahlen, sie haben Sekretäre die nicht widersprechen, sie unterschreiben Verträge die jemand aufgesetzt hat und kriegen Kaffee gereicht von Menschen die meinen das müsse so sein. Ich glaube nicht, daß sich irgendjemand die Mühe gemacht hat, sich gegen mich zu verschwören. Aber ich glaube, daß Menschen auf sehr groben Unfug schwören. Ich glaube auch nicht, daß es Menschen gibt, die mich zwingen wollen, mich impfen zu lassen. Aber ich glaube, daß es Menschen gibt, die Gesundheit so komplex betrachten das Fernsehprogramm von Pro 7, und die sich dann an ihrer Industrie-medizin festhalten wie ein Teenger an seinem Handy.

Und so entfernen sich Menschen von meinem Herz, die ich doch eigentlich sehr gerne mag. Oder ich entferne mich von ihnen, weil ich nicht die richtigen Worte finde. Ich weiß es nicht. Aber ich fühle mich einsam unter Menschen die da so etwas wittern, im System, was ich nicht wittere. Und die plötzlich gegen die GEZ Gebühren sind, und ich hab irgendwie gar nicht mitgekriegt, was das mit Corona zu tun hat. Ich weiß bis heute immer noch nicht, wie ich diese Gebühren finde. Aber ich bin froh über arte. Und ich mag den Deutschlandfunk. Und wenn wir schon in Größenordnungen von achtzig Millionen Menschen denken müssen, dann finde ich es auch akzeptabel, daß wir alle Geld in einen Topf hauen um Leute zu bezahlen, die nicht für Danone oder Pro7 Informationen einholen. Und naja, logischerweise sind auch diese Menschen, die aus diesem Topf bezahlt werden, wieder: Menschen. Und auch die haben eine Wahrheit und sind manchmal wütend und auch die klicken bei manchen Überschriften schneller als bei anderen. Auch dort gibt es Strippen, herrje.

Und wie die junge Erwachsene die eine Party schmeißen wollte, und mir also bei den einen Freunden irgendwie das Herz zugeht, geh ich dann rüber zu den andern, und die schimpfen plötzlich genauso. Und ich krieg‘ ’nen Schreck und fühl mich noch ein Stück einsamer. Und bin irritiert. Ich glaube vor allem bin ich irritiert. Nichts, was so flächendeckend in Deutschland entschieden wurde haben wir früher so kritiklos hingenommen. Und jetzt nehmen wir es nur aus dem Grund so schnell wie möglich kritiklos hin, weil wir die, die Kritik üben, nicht leiden können. Und selbst das verstehe ich irgendwie. Ein Stück weit. Aber wenn die Afd jetzt sagt, sie möchte den Einzelhandel stärken, dann denke doch nicht: nee, wenn man’s genau betrachtet ist der Einzelhandel mir doch nicht so wichtig. Da ist mir doch der Inhalt, für den ich kämpfe, irgendwie heiliger. Und ja, es nervt, wenn ein Idiot Sachen sagt, die ich auch sage, aber dann muß ich halt mal bisschen differenzierter werden. Oder nicht? Und vielleicht ist auch mein Problem, daß ich als Hippie die ich bin, eben auch ein bisschen Spiritualität in mein Leben lasse. In jedem Fall. (Und daß Esoterik da eben auch mit reinfällt.) Aber da weiß ich doch irgendwie auch zu differenzieren. Und da lerne ich doch auch dazu. Da können wir doch irgendwie mal gucken was wir richtig finden und was falsch. Da müssen wir halt nur mal aufhören, immer gleich Recht haben zu wollen.

Herrje, ich werde dann immer ein bisschen wütend. Ich also auch. Diese ganze Corona Geschichte kriecht uns allen in die Glieder. Und auch ich möchte ja Recht haben. Aber wenn es nach mir geht möchte ich vor allem erst mal weniger einsam sein. Aber ich bin nicht einsam, weil ich meine Freunde nicht treffen darf oder weil ich nicht auf Partys gehen kann. Ehrlichgesagt, so als Mutter die im Lebensmittelhandel arbeitet um die Miete zu zahlen und versucht ihre Kunst in die Welt zu bringen, für die hat sich gar nicht so viel geändert. Nur daß jetzt die kleine Tochter, wenn ich nicht arbeite, mit mir in der Küche sitzt und leben will, und ich die große dazu bringen muß, Bruchrechnung in Dezimalrechnung umzuwandeln und die Dichte von Wasser auszurechnen. Auf Party bin ich schon lange nicht mehr gegangen, und die Zeit, die für Kunst und für Freunde bleibt, ist mit Abstand immer noch die seltenste und schönste. Und ich glaube einsam war ich auch vorher, nur merke ich es durch Corona etwas mehr. Weil noch eine Sache mehr hinzukommt, bei der ich wieder zwischen den Stühlen sitze.

Vielleicht sollte ich auch ein Ministerium gründen. Auf alle Fälle würde es dort ein Radio geben, aus dem Nils Koppbruch singt.

Ankommen

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Von einer weiten Reise

groß, und doch sehr leise

voll, und doch ganz still

von der ich an einem neuen alten Hafen landen will.

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Wild, und doch gehalten

jung, und doch mit Falten

stumm, und innen laut

mit einem neuen Ich, das sich zu schweigen traut.

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Langsam trifft Entscheidung

Wärme kennt die Reibung

Ein Morgen folgt dem jetzt

Weil sich mein einer Fuß sanft vor den andern setzt.