Ich höre Halrald Welzer. Und seit langem, langem, langem, verspüre ich Sehnsucht, oder eher, … eine Art Schmerz, ob meiner linken Heimat. Ich prüfe die Worte, die Anfangsworte, sie allein könnten mich schon trennen, von Euch. Uns voneinander. Ich vermisse Euch so. Vermisse die Nähe. Wir haben einen Fehler gemacht, mehrere, sage ich, und wir sehen nicht hin. Wir sind in der sofortigen Abwehrhaltung von „aber“, als könnten wir, als könnte etwas uns Heiliges verloren gehen, wenn wir nur eine Minute zulassen, dass auch wir beteiligt sind, am Konflikt. Wo ist sie hin, die Liebe zur Reflexion, die Pflicht geradezu, ich habe sie sehr gemocht, die linke Pflicht zum Gewahrsein, zum Darauf-achten, ob wir nicht selbst, und wo sie lauern, die Mechanismen. Wo ist sie hin, die Liebe auch zu dieser Selbstreflexion, die das für mich immer auch einschloss? Ich will zu Hause bleiben, ich merke es, noch immer zieht mich der Duft des Kämpfens, des Nicht-Einverstanden-Seins, des enormen Willens, der Überzeugung, vor allem, für das Richtige, das, was eben vermeidet, dass Menschen leiden, dass Menschen hungern, dass Menschen ohnmächtig sind. Noch immer, so absurd das alles geworden ist, gefällt mir das Wort links, mehr als das Wort rechts. Noch immer schmunzle ich, und es ist stiller geworden um diesen Satz in mir, aber noch immer schmunzle ich wenn ich denke, und manchmal sage ich sogar noch: mein Herz schlägt links. Denn diese Richtung war für mich noch immer, (wenngleich nur eine Richtung einschlagen zu dürfen und sonst keine andere, das selbst mir immer schon suspekt vorkam,) doch immer noch, herrgott, will ich es linksrum, wenn ich mich entscheiden muss. Oder sagen wir, viel eher: es war doch immer, wenn auch mit sehr viel notwendiger Gehirnleistung bisweilen, so doch immer noch irgendwie: kompatibel. Meine Suche nach dem Matriachat, nach dem Ort, wo niemals irgendjemand mehr als 80’000 Euro im Monat verdienen darf, weil das schlicht und ergreifend nicht mehr gesund ist. Meine Suche nach dem Ort wo Frauen sein dürfen, Kinder, und die die anders ticken, alle. Erst recht die Menschen, die sich in eine gänzlich gänzlich andere Welt begeben, um zu leben, die alles was sie wurzelt loslassen, für eine Existenz, oder den Glaube, wenigstens, daran. Es war doch immer kompatibel. Aber wir Linken sind so kalt geworden. Und ich friere, so so sehr, in diesen Räumen. Und ich will zu Euch, ich will Euch wieder sehen, hören, fühlen, will streiten, und dann Gespräche führen, sich manchmal sogar berühren, und sich Dinge zeigen, die man selten zeigt. Sich wärmen auch. Solidarität. Was für ein militantes Wort, war es schon immer, jetzt aber nur noch mehr. Wo seid ihr. Wo ist meine Linke. Die so kalt geworden ist, weil die Grenzen sie verschwimmen. Wir sind so überfordert von einer doch eigentlich recht schönen Herausforderung. Nämlich dass die Grenze schwer zu ziehen ist, dass es nicht immer ganz so leicht ist. Zu trennen. Zwischen quer denken und rechts. Zwischen Spiritualität und Heimatzauber, zwischen Gedanke und Gefühl, zwischen so vielem. Wir scheitern, an einer Einsicht die doch, dachte ich, längst durchgedrungen sein müsste: Grenzen, sie sind ein Phänomen. Und sie brauchen auch die Einverständnis des Herzens, sonst halten sie nicht lange, sonst muss man sie gewaltsam halten. Und das geht immer schief, wer sonst als wir sollte das wissen?! Herrgott. Wir scheitern an der Feinfühligkeit die wir so rational und militant einfordern. Und eines haben wir aber geschafft: die Mittel nutzen, die wir so bekämpften, auch schon: Sich zu einer Elite zugehörig fühlen, die wir niemals so nennen würden, selbstverständlich, gebildet sein, und aufgeklärt. Medial, die Medien die das Regelwerk bezahlt, medial ein Richtig setzen, Deutschlandfunk, die Anstalt, arte, sie lügen nie, sie haben ausschließlich rational und definitiv mit Abitur die Zahlen und die Wahrheit abgebildet, und wir sind es, die ganz objektiv die Wahrheit finden. Wie arrogant wir doch geworden sind, denn auch diese Grenzen fließen wie die Elbe und der Rhein und die Natur, noch. Wahrheit, was haben wir gestritten, und wie wunderbar der Wein da floss und man doch trotzdem Kicker spielte, und manchmal sogar, ging einem ein ganz rationales Thema, ganz weltlich, ganz politisch, doch so nah, dass man mit diesem Mensch tatsächlich nicht mehr kickern konnte, und selbst wo er so schön ist, und der Wein so rot, manchmal hat der Zorn über die nicht gefund’ne Wahrheit einen so sehr beschäftigt, in der Linken, damals, dass man sich ins eigne Bett gelegt, oder betrunken noch in die Küche im zweiten Stock ging und sich dort ethanolgeschwängert echhauffierte, und sich dann mit dem Zorn in seine Kissen fallen ließ und am nächsten oder übernächsten Tag hat man ein Schmunzeln nicht verstecken können, auf dem Plenum. Wir haben doch gestritten, aber zusammen. Wir haben es geteilt, den Zorn, die and’re Meinung, wir haben doch gewohnt, in einem Haus, wo was auch immer aber in jedem Falle „links“ drauf stand. Wo ist das hin? Wir linken sind so kalt geworden, ich sehe Euch so selten noch. Manchmal, auf dem Wochenmarkt, da seh‘ ich linke Frauen. Nicht die Mädchen, nicht die ganz veganen und awaren jungen Frauen sondern ich seh‘ Frauen, kurze Haare, Locken, und ein Blick von Zorn und Liebe. Wo sind wir hin? Wo ist die Nähe zwischen uns geblieben? Anka, dich treff‘ ich auf dem Campingplatz, du hast zwei (wunderschöne) Kinder und ne Frau mit der du jetzt ein Dauercamping Platz erworben hast und eine Wohnung gekauft. Ich will reden mit Dir, die ganze Nacht lang, will streiten, und ich will sagen dürfen: ja ich hab mich nicht geimpft und würd‘ es niemals tun, zumindest nicht die nächsten zehn Jahre und ja ich rede nur von Covid. Ich liebe meine Mutter und ich fand uns so zum Kotzen, in der Zeit, in der es doch um unsren Körper ging, nicht um Grenzen, nicht um Migration, nicht um lesbische Frauen. Es ging doch nur um Körper, Immunität, Verbreitung, Viren, alles Dinge über die wir uns als Linke noch nie die Zeit genommen haben uns zu treffen. Körper, es war nie ein Thema, und plötzlich trennt es uns, warum, wieso verdammt, woher kam diese völlig übereilte Einteilung in: Migration. Dann: Krieg. Dann: Klima. Woher Herrgott kam das denn alles so unfassbar schnell? Und ja, ich könnte jetzt, die „andre Seite“…, ich könnte jetzt, ich will nicht, denn ich hab‘ Sehnsucht. Ja, die „andre Seite“, wenn Du wüsstest, wenn ihr nur wüsstet, was ich gehört hab‘, von der fucking „andren Seite“, lasst mich in Ruh‘, ich will Euch keinen Zentimeter, keinen Spalt breit schauen lassen, in die Dummheit, die ihr so attackiert, und mit der ihr Recht habt, an den Rändern, finde ich, aber ihr attackiertet, als gäbe es kein Morgen. Ihr attackiertet nicht das Herz, den Bauch, die Wut, ihr attackiertet vor allem eins: den Intellekt. Und das ist: nichts als arrogant. Ihr attackiertet all die Querdenker, weil Euch nichts übrig blieb, bei all den verschwimmenden Grenzen, ihr sagtet: Bildung, Afd, und Ostdeutschland. Unterschicht. Faktenfeinde. Aluhüte. Peinlich. Und: ihr hattet es geschafft: es WAR mir peinlich. Es IST mir immernoch. Nicht ich. Zum Glück. Ich bin zu Jung für diese Art von Scham. Und ich wähle ganz bestimmt nicht, ich wüsste nicht im Traum warum, diese rationale, kalte, deutsche und unlogisch gefühllose Partei. Niemals. Aber ich fühl‘ die Scham so sehr, von Menschen die ich liebe, ich fühle es, das Schweigen, vor der nächsten Wahl, ich fühle es so sehr, denn ja ich habe (zum Glück) Menschen, denen ich nie und niemals meine Tür verschließen würde, niemals, die wählen die Partei! Diese. Aber WIR, wir sind ja ACH so aufgeklärt, und wir, wir haben uns niemals auf eine Art verhalten, die den Zwist verstärkte. Welchen Zwist? Der war doch immer da? Ja, er war immer da, das stimmt, aber die Seiten waren deutlicher, und es war einfacher. Meine Mutter nicht, meine Familie nicht, vielleicht ein Großonkel, er konnte schon ein Nazi sein, das habe ich sogar, in guten Nächten, wenn es zur Stimmung passte, zugegeben. Aber mein Bruder nicht, und Arbeitskollegen, naja, das kam auf die Prioritäten im Kapitalismus an, wenn man muss, dann muss man halt, aber dann kann man ja das System von innen unterwandern noch. Aber jetzt, jetzt sind die Grenzen näher, jetzt sind sie schwammiger. Und jeder Querdenker, den wir dann Nazi nannten, er war noch keiner, doch der Vorwurf, er befeuerte den Trotz, (und ja, er mag auch dumm sein, aber er hat auch Wahrheit, zumindest hat er mein Verständnis, wenn wir mal leise die Geschichte lesen und die Grenzen fließend sein lassen…) Wir bekämpfen, und merken es nicht mal, mit all unsrer awaren Rationalität die jenen, von denen ich lernte, was Faschismus ist, und dass das nie nie nie wieder passieren darf. Warum nur sind wir so bescheuert, so kalt und blind geworden, auf dem Auge unsres Herzens. Gottverdammt. Ich will dich wieder, Linke. Ich will Precht hören, und sogar Ulrike Guerot, ich will dem was sie sagen sehr viel abgewinnen, und trotzdem noch dazugehören, teilen dürfen, eintauchen, in diesen Duft des Zornes. Des Kämpfens, des Nicht-Einverstanden-Seins, des enormen Willens, der Überzeugung, vor allem, für das Richtige. Dem Wille zur Veränderung, zu radikaler, bis an die Wurzeln blickender Veränderung.
Ich will dich zurück, meine Linke, wo bist Du?
