Corona-Tagebuch 2.0

Zwei Punkt Null. Corona ist in Deutschland etwa zehn Monate alt. In Großbritannien gibt es ein Ministerium für Einsamkeit. Corona hat mir Nils Koppbruch gebracht. n zwanzig Jahren werde ich diese Musik hören und die Erinnerung an mein Ich von 2021 wird mit jeder Note leise in meinen Zellen vibrieren als wäre es eine Woche her. Nils Koppbruch bekommt von alle dem nichts mehr mit und ich bin einsam. Ich sitze zwischen den Stühlen. Wir suchen immer ein Die-da! Wir suchen einen Schuldigen, es ist so viel einfacher damit. Wir suchen einen, wegen dem das alles so ist. Wegen denen da! (Deretwegen…) Weil die das alle so machen. Und ich fühle mich ein bisschen wie das kleine Kind, was ich war, als meine Eltern aufhörten sich zu lieben. Oder wie die junge Erwachsene, als ich ein paar Mal versucht habe, eine Party zu schmeißen und meine Freunde separiert in der Wohnung rumstanden und miteinander nichts anzufangen wussten und ich all die Funken, die nicht überspringen wollten in mir aufsammelte und aufgeheizt und einsam zwischen Sektgläsern, Bier, Joints und Wodka umherlief. Ich möchte Lieder schreiben für all die Seelen aber finde keine. Dieses Virus macht mich pessimistisch. Das nervt mich. Vielleicht verlieren wir das große Spiel ja doch irgendwann. Nun ja. Vielleicht muß ich auch verlieren lernen. Robert hat gesagt, der Homo Sapiens steckt schlicht mitten in der Pubertät. Und ich finde das erklärt einiges. Wir haben vor ein paar Hundert Jahren begonnen, unser Potential zu entdecken, und jetzt schießen wir völlig über’s Ziel hinaus. Wie ein hormonüberfüllter Teenager probiert der Mensch sich aus und testet seine Kräfte, und davon hat er in der Tat genug. Aber ungeübt und übermütig wie er ist brennt er aus Versehen fast sein Haus nieder. Und ist an diesem Tag absolut überzeugt von einer Wahrheit, die er am nächsten Tag durch die nächste, ebenso unumstößliche Wahrheit ablöst. Und er merkt’s halt selber nicht. Und zwischendurch ist er plötzlich dann jung und verletzlich und schüchtern und will seinen Kopf nur auf irgend einen Schoß legen. Und dann gibt er sich selbst an allem die Schuld und hasst sich und weiß doch nichts von Demut. Recht haben wollen wir. Hauptsache Recht haben. Und wenn eine andere etwas anderes sagt, dann bleiben wir stumm und im Stillen lästern wir. Was ist das für ein Blick, den wir uns da heimlich zulegen? Die Augen hinter den Augen zu Schlitzen verengt. Jede glaubt von sich die Wahrheit zu kennen, was maßen wir uns an? Abgesehen davon, daß ich schon immer eine Größenordnung von achtzig Millionen Menschen exorbitant zu groß finde, um irgendwelche sinnvollen Entscheidungen treffen zu können, möchte ich trotzdem nicht auf dem Posten sitzen müssen, der dann, wenn so eine Krankheit anrollt, auf die sich Milliarden von Kameras richten, irgendwelche Entscheidungen treffen muß. Natürlich sind da Entscheidungen dabei, die Nachteile haben. Logisch! Und natürlich sind die Menschen auf diesen Posten immer noch Menschen. Es sind immer noch Menschen, die müde sind nach zu wenig Schlaf, die sich selbst belügen, die dazu lernen, die Angst haben, die Sex haben oder Nähe vermissen. Und diese Menschen haben auch sicher besseres zu tun gehabt, als sich zu treffen und sich zu überlegen, wie sie jetzt am besten einen großen, gut durchdachten Komplott spinnen können, um endlich den Einzelhandel zu zerstören, ein Genom zu verändern und die Pharmaindustrie reich zu machen. Die haben auch einfach nur Entscheidungen getroffen. Und natürlich treffen sie Entscheidungen aus einem Wesen heraus, was in einem System groß geworden ist, in dem es um Recht haben geht und um Wachstum und in dem man niemals Fehler machen darf und wenn doch stellt man sie hinterher als die einzig mögliche Handlung dar. Ich glaube nicht an eine große Strippenzieherin. Aber ich glaube an unendlich viele Strippen, die alle miteinander verflochten sind. Es mangelt uns an Mut und an Empathie wie der Hälfte der Welt an Impfstoffen. Es mangelt an Mut, in einer großen Betriebsversammlung zu sagen, wartet mal, das fühlt sich nicht richtig an. Natürlich gibt es Menschen, die an einem einzigen Tag unfassbar weitreichende Entscheidungen treffen können. Aber diese Menschen stehen auch jeden Tag auf und begrüßen Menschen die lächeln auch wenn sie nicht wollen, sie gehen an einem Pförtner vorbei der meint er müsse ja auch von irgendwas die Miete zahlen, sie haben Sekretäre die nicht widersprechen, sie unterschreiben Verträge die jemand aufgesetzt hat und kriegen Kaffee gereicht von Menschen die meinen das müsse so sein. Ich glaube nicht, daß sich irgendjemand die Mühe gemacht hat, sich gegen mich zu verschwören. Aber ich glaube, daß Menschen auf sehr groben Unfug schwören. Ich glaube auch nicht, daß es Menschen gibt, die mich zwingen wollen, mich impfen zu lassen. Aber ich glaube, daß es Menschen gibt, die Gesundheit so komplex betrachten das Fernsehprogramm von Pro 7, und die sich dann an ihrer Industrie-medizin festhalten wie ein Teenger an seinem Handy.

Und so entfernen sich Menschen von meinem Herz, die ich doch eigentlich sehr gerne mag. Oder ich entferne mich von ihnen, weil ich nicht die richtigen Worte finde. Ich weiß es nicht. Aber ich fühle mich einsam unter Menschen die da so etwas wittern, im System, was ich nicht wittere. Und die plötzlich gegen die GEZ Gebühren sind, und ich hab irgendwie gar nicht mitgekriegt, was das mit Corona zu tun hat. Ich weiß bis heute immer noch nicht, wie ich diese Gebühren finde. Aber ich bin froh über arte. Und ich mag den Deutschlandfunk. Und wenn wir schon in Größenordnungen von achtzig Millionen Menschen denken müssen, dann finde ich es auch akzeptabel, daß wir alle Geld in einen Topf hauen um Leute zu bezahlen, die nicht für Danone oder Pro7 Informationen einholen. Und naja, logischerweise sind auch diese Menschen, die aus diesem Topf bezahlt werden, wieder: Menschen. Und auch die haben eine Wahrheit und sind manchmal wütend und auch die klicken bei manchen Überschriften schneller als bei anderen. Auch dort gibt es Strippen, herrje.

Und wie die junge Erwachsene die eine Party schmeißen wollte, und mir also bei den einen Freunden irgendwie das Herz zugeht, geh ich dann rüber zu den andern, und die schimpfen plötzlich genauso. Und ich krieg’ ‘nen Schreck und fühl mich noch ein Stück einsamer. Und bin irritiert. Ich glaube vor allem bin ich irritiert. Nichts, was so flächendeckend in Deutschland entschieden wurde haben wir früher so kritiklos hingenommen. Und jetzt nehmen wir es nur aus dem Grund so schnell wie möglich kritiklos hin, weil wir die, die Kritik üben, nicht leiden können. Und selbst das verstehe ich irgendwie. Ein Stück weit. Aber wenn die Afd jetzt sagt, sie möchte den Einzelhandel stärken, dann denke doch nicht: nee, wenn man’s genau betrachtet ist der Einzelhandel mir doch nicht so wichtig. Da ist mir doch der Inhalt, für den ich kämpfe, irgendwie heiliger. Und ja, es nervt, wenn ein Idiot Sachen sagt, die ich auch sage, aber dann muß ich halt mal bisschen differenzierter werden. Oder nicht? Und vielleicht ist auch mein Problem, daß ich als Hippie die ich bin, eben auch ein bisschen Spiritualität in mein Leben lasse. In jedem Fall. (Und daß Esoterik da eben auch mit reinfällt.) Aber da weiß ich doch irgendwie auch zu differenzieren. Und da lerne ich doch auch dazu. Da können wir doch irgendwie mal gucken was wir richtig finden und was falsch. Da müssen wir halt nur mal aufhören, immer gleich Recht haben zu wollen.

Herrje, ich werde dann immer ein bisschen wütend. Ich also auch. Diese ganze Corona Geschichte kriecht uns allen in die Glieder. Und auch ich möchte ja Recht haben. Aber wenn es nach mir geht möchte ich vor allem erst mal weniger einsam sein. Aber ich bin nicht einsam, weil ich meine Freunde nicht treffen darf oder weil ich nicht auf Partys gehen kann. Ehrlichgesagt, so als Mutter die im Lebensmittelhandel arbeitet um die Miete zu zahlen und versucht ihre Kunst in die Welt zu bringen, für die hat sich gar nicht so viel geändert. Nur daß jetzt die kleine Tochter, wenn ich nicht arbeite, mit mir in der Küche sitzt und leben will, und ich die große dazu bringen muß, Bruchrechnung in Dezimalrechnung umzuwandeln und die Dichte von Wasser auszurechnen. Auf Party bin ich schon lange nicht mehr gegangen, und die Zeit, die für Kunst und für Freunde bleibt, ist mit Abstand immer noch die seltenste und schönste. Und ich glaube einsam war ich auch vorher, nur merke ich es durch Corona etwas mehr. Weil noch eine Sache mehr hinzukommt, bei der ich wieder zwischen den Stühlen sitze.

Vielleicht sollte ich auch ein Ministerium gründen. Auf alle Fälle würde es dort ein Radio geben, aus dem Nils Koppbruch singt.

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