Brief an Richard David Precht

Lieber Herr Precht.

Ich habe gerade, im Zuge (m)einer kinderfreien Woche, eine Folge von Jung und Naiv vom September diesen Jahres geschaut. Und es war mir eine Freude, natürlich, und ich bin froh, und staune auch immer, daß wenn ich mir dann mal den Luxus gönne, mich ein wenig ins Weltgeschehen und den Diskussionen darum hineinklicke, daß ich dann bei so etwas wie dem eben gesehenen Video herauskomme, denn warum nicht auch wo ganz anders? Wie dem auch sei, ich drücke mich die ganze Zeit vor dem eigenen Vorhaben, einen Text zu einem anderen Thema zu schreiben, was mich derzeit beschäftigt, und drücke mich gerade mit großer Freude, indem ich Ihnen diese(n) Gedanken niederschreibe: Nämlich zu Ihrer, in dem Interview mit Tilo Jung eigentlich nur kurz angeschnittenen Frage nach dem Sinn des Lebens. Eigentlich von Tilo Jung angeschnitten, und es ging auch weniger um die Frage, als um die Antwort. Und es ging ja wie gesagt auch nicht lange darum, aber eines Ihrer Bücher trägt diese Formulierung ja im Titel. Ich habe es nicht gelesen. Dazu müsste ich wahrscheinlich ein gänzlich kinderfreies Leben führen, oder beim Ausschreiben zur Grundeinkommens-Studie gewinnen. 😉 Wie dem auch sei, ich möchte Ihnen unbedingt kurz diesen einen Gedanken(strang) schreiben. (Mögen die nicht messbaren Algorithmen dieses Lebens entscheiden, ob Sie diese Zeilen je lesen werden…)

Bei dieser Frage, nach dem Sinn des Lebens, an die wir uns -so gefühlt- immer nicht so gerne wagen, oder irgendwie scheint sie in ihrer Größe zu.. philosophisch oder „schwer“, im Sinne von gewichtig zu sein, bei dieser Frage ärgert mich die ganze Zeit ein Fakt, der meiner Meinung nach dazu führt, daß wir diese wie ich finde auch schöne oder nicht unwichtige Frage meiden, umschiffen oder auf den Stapel der Dinge legen, über die man bei einem Bier und mit etwas Humor an einem See im Urlaub mal spekulieren kann, die aber in meinem realen, alltäglichen Leben keine Rolle spielt, oder kein Platz hat. Und das ist die Definition oder das Verständnis des Wortes „Sinn“, die, bzw. welches wir meiner Meinung nach davon haben. Meinem Empfinden nach ist derzeit die Frage nach dem Sinn von etwas immer auch eine Frage nach der Berechtigung. Eine Art Legitimation der Existenz. Hat etwas einen Sinn, dann ist es gut, fühlt sich gut an, dann ist es richtig. Und hat etwas keinen Sinn, dann verliert es irgendwie an Existenzberechtigung. Das ist in vielen Fällen äußerst logisch, denn wenn es keinen Sinn ergibt, daß ich seit einer Stunde auf meine Verabredung warte, dann ist es auch nachvollziehbar, daß ich dann gehe, oder das mich das weitere Warten innerlich frustriert. Wenn nach dem Sinn des Lebens gefragt wird, haftet dem immer an, daß ich meinem Leben, meiner Existenz, irgendwie einen gesamtheitlichen Grund geben muß, oder aber auch eine Art Ziel, oder einen Inhalt. Und dem haftet natürlich auch an, daß, wenn ich auf dieses Problem keine Lösung finde, es sich eigenartig leer anfühlt, und die Frage nahe liegt, was alle untergeordneten Handlungen und Entscheidungen in meinem Leben dann für einen Grund haben, und ob nicht alles ganz anders getan oder entschieden werden könnte. Und es haftet dem außerdem an, daß meine Existenz hier auf diesem Planeten ohne Bedeutung sein könnte, was sich natürlich unangenehm anfühlt. (Selbst wenn ich auf die Frage eine Antwort finde, wenn ich also einen Sinn im Leben sehe, lägen auch die Fragen nah‘, was ich mache wenn ich das Ziel erreicht habe, oder was ich mache wenn es sich als Irrtum herausstellt…)

Und vielleicht haben Sie jetzt darüber schon einige ausführliche Stunden nachgedacht und diesen Gedankenkomplex hinreichend durchforstet, vielleicht haben Sie sogar längst irgend ein Buch darüber geschrieben, und ich habe von all dem nichts mitbekommen. Vielleicht ist das alles für Sie eine etwas zeitraubende und wenig bedeutsame Überlegung, das wäre mir ein wenig unangenehm, aber es würde den Drang Ihnen das folgende noch mitzuteilen leider nicht mindern:

Denn ich finde die Frage, oder besser die Antwort auf die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ keine unwesentliche, auch für unser aller Zusammenleben! Aber eben aus einer Kameraperspektive, die diese Frage etwas anders versteht: Die nämlich die Frage von ihrer Wertung und der Frage nach Existenzberechtigung befreit, und vielmehr nach dem Prinzip des Lebens fragt. Wenn ich also viel weniger frage, warum ich lebe, sondern nach welchen Gesetzmäßigkeiten Leben an sich strebt, oder funktioniert! Welchen Prinzipien folgt also alles, was lebt. Ich weiß, natürlich, daß das zwangsläufig nach sich zieht, den Begriff „Leben“, definieren zu müssen. Und das hat sicher schon der eine oder die andere vor mir getan, und ich habe wahrscheinlich keine/n davon gelesen. Ich habe sie alle nicht gelesen, die Heideggers und Kants und Descartes und Metzingers und Arendts und Prechts (doch, von dem hab ich „selbst Denken“ oder wie es hieß gelesen. Kam damals genau zur richtigen Zeit das Buch, war super!), und vielleicht bin ich größenwahnsinnig zu glauben, die Gedanken die ich habe, hätte vorher noch niemand gehabt. Aber ich muß das ja auch alles nicht gelesen haben, es gibt ja auch noch ein paar andere Bildungshintergründe, aus denen heraus man philosophisch werden darf, wie Kinder kriegen zum Beispiel. Wie dem auch sei, wenn ich das jetzt einfach mal so aus meiner wie auch immer gearteten Perspektive und meinetwegen sehr spielerisch mal beschreibe, wie ich es denke: Wenn ich jetzt „Leben“ nicht sehe als das Existieren oder das Handeln. Sondern wenn ich frage, was vereint alle Wesen, die leben. Und wenn ich das jetzt so ganz spartanisch oder „einfach so“ aus mir heraus mal tue, zusammen mit den wenigen Sachen, die mir aus der Schulzeit noch hängengeblieben sind, und ich zum Beispiel das ganze recht biologisch sehe, und sage:

Alles was lebt: 1. wechselwirkt mit seiner Umwelt, 2. organisiert und reguliert sich selbst (soweit ich die Homöostase bisher verstanden habe, liebe ich dieses Gedankenfeld…), es versucht also immer einen Gleichgewichtszustand aufrechtzuerhalten, 3. alles was lebt ist reizbar, das heißt es re-agiert (damit auch) immer auf seine Umwelt, 4. es will sich fortpflanzen oder reproduzieren, das heißt auch, es will sich selbst in gewissem Rahmen erhalten, und, es will 5. auch das, was es kann oder gelernt hat, weiter geben (Vererbung) und es folgt last but not least 6. außerdem immer dem Bedürfnis des Wachstums im Sinne einer (Weiter)Entwicklung. (Und ich sehe hier nicht unbedingt das Bedürfnis, aus etwas immer mehr zu machen, genauso wie ein Kirschkern nicht zwangsläufig ein immer größerer Kirschkern werden will, sondern ein Kirschkern will sich in Richtung eines Baumes ent-wickeln, es will die Informationen, die es in sich trägt, zu einer Realität werden lassen, dem Kirschbaum.)

Dem Leben als solches wohnt also, so könnte man es, finde ich, interpretieren, ein Prinzip inne, was sich immer in der Balance befindet zwischen Entwicklung und Erhaltung, zwischen Streben hin zu etwas als auch mit diesem Streben hin zu etwas nie sich selbst zu zerstören. Es folgt also einer Art Kreislauf, oder Spirale. Und diese Definition ist wahrscheinlich unfassbar unzureichend, und man könnte sich jetzt hier auch wirklich in tausende Gedankengänge verzweigen, aber das ist gar nicht worauf ich hinaus will.

Worauf ich hinaus will ist, daß wenn wir uns in irgendeiner Form darauf einigen könnten, welchen Prinzipien das Phänomen „Leben“ folgt, welche Mechanismen demnach auch allen Wesen, die leben, inne wohnen, wie zum Beispiel (!) diese o.g. biologischen Prinzipien. Dann könnte ich doch relativ einfach fragen: Hat mein Leben einen Sinn, oder nicht. Das wäre dann aber nicht die Frage: hat mein Leben eine Berechtigung, oder nicht, sondern ich könnte fragen: folge ich, als Wesen, welches lebt, den Prinzipien des Lebens, mit anderen Worten: lebe ich, oder eben auch nicht. Und außerdem könnte ich mich dann auch vor einigen größeren Diskussionen oder Streits erst einmal fragen: Will ich denn leben, befürworte ich das Leben, halte ich es für erstrebenswert, dem Prinzip des Lebens zu folgen, es zu ermöglichen. Wenn sich unsere Antworten in diesem Punkt unterscheiden sollten, könnten wir uns demnach auch einen langwierigen Streit daraufhin einfach ersparen, denn niemand „muß“ ja Leben befürworten. Aber wenn wir uns vorab darauf einigen würden, daß wir das Leben erstmal wollen, oder erhalten wollen, dann müssten wir doch „nur“ noch fragen: Gut, und was von dem was wir tun oder nicht tun, erhält also das Leben, und was tut es nicht. (Das läge auch die wie ich finde schöne Alternative nahe zum Begriff „richtig“ oder „falsch“, man könnte da dann eher fragen, ist etwas für, oder ist es gegen das Leben!). Und bei dieser Fragestellung ist es doch dann relativ (!) einfach, zu sehen, daß ein Wunsch nach permanentem Wachstum, der kein Kreislauf ist, sondern ein lineares Ins-Unendliche-Streben, das Leben langfristig nie erhält, sondern völlig gegen das Leben gerichtet ist. Oder natürlich, daß endliche Rohstoffe aus der Erde zu ziehen dem Prinzip Leben widerstrebt. Daß mehr Bäume zu roden als nachwachsen können auch nicht dem Prinzip leben folgt. Oder auch, daß immer recht haben zu wollen in einer Kommunikation nicht dem Prinzip des Re-agierens folgt, sich da auch überhaupt nichts fortpflanzt und da weder bei mir selbst noch beim andern sich irgendwas weiterentwickelt. Oder daß das ziehen von Grenzen unter einigen Gesichtspunkten dem Prinzip des Lebens sehr folgt, wenn es schützt, wenn es sich abgrenzt um beispielsweise zu wachsen oder zu heilen, daß aber eine andere Form der dauernden Abgrenzung dem Prinzip des Lebens überhaupt nicht folgt, weil es Diversität verunmöglicht, weil es auf lange Sicht auf Inzucht hinaus läuft und da auch nichts mehr in Beziehung gehen kann. Ein Erdbeerfeld zu pflanzen kann für das (Prinzip) Leben sein, ihm also zuträglich, Strawberry fields forever wäre irgendwann gegen das (Prinzip) Leben. Gewalt ist wahrscheinlich in den meisten fällen dem Prinzip des Lebens äußerst abträglich. Mich mit Gewalt gegen die Vernichtung meines Lebensraumes wehren kann in manchen fällen aus der Perspektive des Prinzips Leben zumindest nachvollziehbar sein. Arbeitsplätze zu schaffen wäre dann nicht per se ein Allheilmittel für alles was lebt, sondern es müsste gefragt werden, was tut denn der Mensch, der da arbeitet? (Entwickelt er sich oder irgendetwas weiter, oder hält er einen gegen das Leben gerichteten Mechanismus am Laufen?). Das ganze Gebiet der Ernährung müsste nicht mehr hinsichtlich der Frage betrachtet werden, ob vegetarisch essen richtig oder falsch ist, sondern zum Beispiel nach der Frage, wie viel Fleischkonsum ist sinn-voll, folgt also den Prinzipien des Lebens, und ab wieviel konterkarieren wir das Prinzip Leben damit? Ich könnte die Liste noch eine Weile lang fortsetzen, dessen, was also das Prinzip Leben bejaht, und was sich dem Prinzip leben entgegenstellt.

Wenn wir uns also, und dabei ist es vielleicht sogar unerheblich, ob ich das individuell betrachte oder gesamtgesellschaftlich, viel weniger fragen: ist mein Leben gut, hat es einen Sinn, daß ich hier existiere, hat mein oder unser Leben eine Bedeutung, sondern wenn ich mich stattdessen frage: folgt mein Handeln oder die Summe meiner Entscheidungen dem Prinzip Leben, dann wäre doch die Antwort genau darauf durchaus interessant, und lohnte es sich damit zu stellen, oder nicht?

So. Lieber Herr Precht. Dies ist also mein Gedankengang, den ich schon seit wirklich geraumer Zeit mit mir herumtrage, und den ich nun endlich mal verschriftlicht und in die Welt geschickt habe. (Und sei es nur ein selbst-therapeutischer Zweck, dem das Ganze hier gefolgt ist, so war es für mich, glaube ich, doch sehr dem Leben zuträglich, denn ich habe mich durchaus beim Schreiben dessen ein wenig selbst reguliert, habe auf Reize meiner Umwelt reagiert, habe diesen Gedanken vielleicht sogar ein wenig fortgepflanzt (und sei es nur in mir…), habe mich irgendwie auch um einen Nanometer vererbt, zumindest potentiell, habe mich selbst beim Schreiben definitiv ein wenig weiterentwickelt und vielleicht wechselwirke ich sogar damit ein wenig mit meiner Umwelt. Wer weiß 🙂

Ich danke Ihnen fürs (eventuelle) Lesen bis hier hin.

Mit den besten Grüßen und nicht ohne meine Hochachtung,

Martha Laux

(Dresden, 28.10.2020)

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