Corona-Tagebuch 1.1

Perspektiven-Test

Es sind seltsame Zeiten das. Also die Zeit selbst scheint auch auf eine eigene Art zu vergehen. Ich kann nicht sagen ob die Tage rennen oder schleichen. Ich kann auch schwer sagen, wie es mir geht. Und dann: werde ich krank. Man kann überhaupt nicht normal krank werden in diesen Zeiten. Ich habe tatsächlich: Fieber und Husten. Keinen Schnupfen. Bestialische Kopfschmerzen. Habe sonst nie Kopfschmerzen. Und plötzlich bin ich irgendwie… isoliert. Und gleichzeitig will ich gern isoliert sein. Eigentlich will ich im Bett liegen und liegen und liegen und atmen und Musik hören und Tee trinken und schlafen, unendlich viel schlafen. Aber ich kann nicht so richtig schlafen. Ich kann mich auch nicht so richtig entscheiden. Ob ich ruhen will. Oder der Krankheit den Abwehrkräfte-Kampf ansagen, mit tonnenweise Knoblauch und Hollundersuppe. Und Aktionismus. Ich hatte Pläne. Hatte Termine. Und nun bin ich krank also steht Corona im Raum wie ein Problem was erst geklärt werden muß, bevor irgendwie wieder zur Tagesordnung übergegangen werden kann. Ich hätte mich auch einfach 14 Tage in selbstgewählte Quarantäne setzen können, krankschreiben lassen, und die Krankheit durchlaufen. Danach wäre alles so seltsam verrückt langsamschnell weiter gegangen wie die ganze Zeit. Aber ich möchte diese Termine wahrnehmen. Also:

Mache ich einen Test. Ich bekomme einen Test. Ich bitte sehr darum. Ich glaube mein Arzt meint es gut mit mir. Vielleicht auch nicht. Aber normalerweise erfülle ich nicht alle Kriterien für einen Test. Aber ich muss es für diese Termine ausschließen können sage ich, und das stimmt ja auch. Und dann, plötzlich, ist so viel anders. Wenn ich einen Test mache. Noch bevor ich das Ergebnis habe wird alles anders. Man kann es in den Köpfen sehen, meinem nicht ausgeschlossen, man kann den Perspektivwechsel beobachten wie man das Bewegungsmuster einer Geruchswolke in einer U-Bahn anhand der Gesichtern der Menschen erkennen könnte. Ich habe ja das Ergebnis noch nicht. Nur die Tatsache, daß ich die Frage stelle, ob ich möglicherweise Corona habe, nur die, verschiebt still und deutlich zugleich die Perspektiven. Die Handlungen. Die Scherze. Die Entfernungen. Die Geschwindigkeiten. Beim Arzt komme ich sofort an die Reihe, im Hinterhof werde ich empfangen, ich habe keine Minute gewartet, werde mit größtmöglichem Abstand gründlich, sachlich und rasant schnell getestet. Stäbchen wieder ins Röhrchen, ich brauche noch eine Krankschreibung, bitte am Fenster vorne abholen. Ich gehe mit Mundschutz zum Bäcker. Ich will dort auf keinen Fall in diesen Laden husten. Dieser Mundschutz. Die Menschen sehen ja gar nicht ob ich lächle. Und ich lächle doch eigentlich oft und gerne beim Einkaufen, das macht alles etwas leichter. Abstand. Sorge? Distanz. Mit Fingerspitzen legt sie das Zwei-Euro-Stück auf die Geldschale. Oder bilde ich mir das ein? Wenn ich es mir recht überlege, ich kenn die Bäckerfrau ja gar nicht gut. Sie war auch nicht wirklich unfreundlich. Oder? Eigentlich hat sie all meine Fragen anständig beantwortet. Ich weiß es nicht. Wer weiß das alles schon. Mein Nachbar schenkt mir sein Feuerzeug nachdem ich es in der Hand hatte. Immer wieder muß ich an dieses Doppelspaltexperiment denken. Ich meine keiner ist wirklich anders zu mir. So richtig. Immens. Niemand. Nur diese Subtilität. Diese Feinheit. Feinstofflichkeit. Wirklich kaum wahrnehmbar. Und mehr noch: So schwer wahrnehmbar, daß ich nicht sagen könnte, ob ich es mir selbst einbilde. Ob erst ich es erschaffe. Oder ob die Bäckerfrau dann erst unfreundlich wird, weil ich sie so skeptisch ansehe, mit einem ganz zarten Hauch Beleidigtsein, durch die Augen, hinter der Atemmaske. Wer weiß das alles schon. Die Lichtteilchen verhalten sich anders, nur deshalb, weil gefragt wird, wie sie sich wohl verhalten. Fragen sind Räume, sagte mal ein Lehrer von mir. Erfahrungsräume. Morgen um zehn kommt das Ergebnis. Vielleicht ist die entscheidendere Frage: Habe ich heute schon mal eine Weile in Ruhe geatmet?

Corona-Tagebuch 1.0

Es ist 6:20 Uhr und ich sitze in der Küche, die ich so gelassen habe wie sie ist, erstmal. Sonst hätte ich abgewaschen bis das erste Kind wach wird. “Ich wasch nur noch schnell das Becken frei” hätte ich mir gesagt und “dann setz ich mich hin und trink nen Cafe und schreib’ was.” Never hätte das funktioniert. Ich kenn mich. Ich lerne mich kennen.

Eine Freundin hat mir einen Eintrag von ihr auf irgend einem Blog geschickt. Ich weiß gar nicht mehr was das genau für ein Blog war, sie hat es mir geschickt, also bin ich dem link gefolgt. Ich bin eine Raben-Bloggerin. Der Alltag in verschiedenen Ländern in den Zeiten von Corona. Eine Frau mit drei Kindern schreibt aus den USA. Meine Freundin schreibt aus Italien. Noch immer, trotz dem, was sie auch über Norditalien schreibt, halte ich Corona nicht für eine Krankheit, gegen die ich mich unter normalen Umständen impfen würde, noch immer kann ich mir nicht helfen und halte Corona im Stillen für eine fiese Grippe, die ich nicht kriegen möchte, wegen der ich aber niemals mit Mundschutz und Handschuhen zum Bewerbungsgespräch gehen würde. Und noch immer bin ich gleichwohl genauso still und sehr sehr heimlich so froh, daß die Welt gerade so sehr inne hält. Sie hält ja nicht mal wirklich inne, es hat nur jemand kurz am Temporegler gedreht, ganz bisschen nur. Ich werde sicher nicht herumlaufen und die Leute von irgendetwas überzeugen wollen. Außerdem wer bin ich das zu tun. Mich stört der Mundschutz nicht, und die zwei Meter Abstand, zumal dieser Abstand sogar noch irgendwie was mit Solidarität statt mit Ekel zu tun hat. Viele wollen Corona gar nicht unbedingt vermeiden zu bekommen, sie wollen nur nicht diejenigen sein, die andere angesteckt haben. Eine andere Freundin meinte letztens, daß jedes System, was Angst hat, beginnt, anders zu atmen. Ich möchte nicht in Krankenhäusern arbeiten derzeit. Und ich bewunder sie. Alle. Die Feuerwehrmänner des elften Septembers sind die Krankenschwestern und Nettomitarbeiterinnen dieser Coronakrise. Bei uns vor der Filiale um die Ecke steht mit Kreide vor den Fahrradständern auf den Fußboden geschrieben: “Danke liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Bleibt Gesund!”.

Gott was für ein Glück habe ich derzeit in diesem Land zu leben. Das sage ich. Die ich sonst so gründlich angewidert bin von dieser aberdeutschen Emotionslosigkeit. Aber ich werde irgendwie über die Runden kommen. Hier in Deutschland. Es ist knapp, aber ich werde über die Runden kommen. Hier war zuerst das Klopapier alle, nicht die Waffen. Und auch nicht der Wein. Was soll hier passieren wenn mal einer durchdreht irgendwann?

Es ist eine Krise und Menschen geraten an ihr Limit. Ich möchte das niemals beschönigen. Ich bin wahrscheinlich einfach zu Zeiten vor der Krise, zu Zeiten von jetzt-gib-der-Tante-die-Hand-und-iss-dein-Amazon-prime-Schnitzel immer wieder an mein Limit geraten und habe deshalb derzeit das Gefühl, zum ersten Mal seit langem in einem Land wie diesem atmen zu können. Und dankbar zu sein. Ich bin es leise. Es ist 6:52 Uhr. Am liebsten würde ich eine rauchen. Wenn es nur nicht so eklig wäre. Aber ich werde mich vielleicht einfach ans Fenster stellen und der Stille lauschen. Um sieben. In Deutschland. In einer Zeit, in der es ein Virus geschafft hat, nahezu jeden Menschen auf dieser Welt zur gleichen Zeit wenigstens ein klein wenig zu tangieren. Oder? Irre ich mich? Zumindest tangiert es doch recht viele zur gleichen Zeit. Vielleicht ähnlich viele, wie sonst zur gleichen Zeit diesen Planet so runterrocken.

Die Liebe in Zeiten von Corona

Ich vermute die Liebe macht gar nicht viel anders als sonst, in diesen Zeiten. Sie hat einfach ein bisschen mehr Platz. Was soll sie schon machen, in diesen Zeiten? Wenn ich mich verliebt habe, im März des Jahres 2020, wird das dann für immer die Corona-Liebe sein? Dann werde ich vielleicht im Jahr 2041 immer noch wissen, wann ich nicht nach Schweden gefahren bin und meine Kissen nassgeweint habe. Dann werde ich sagen: ach, das war das Jahr in dem die erste Coronakrise kam. Das muß also 2020 gewesen sein. Abgefahren, das alles, oder nicht? Es fällt mir schwer über die Liebe etwas zu sagen, in diesen Zeiten. Wo sie doch genauso… waltet. Und wirkt. Und irritiert. Und wärmt, bisweilen. Die Liebe meine ich. Na und vielleicht ein wenig auch die Coronakrise 🙂

Montagsbrötchen

Und dann ist man einfach mal zu Hause. Ich rauche ein wenig. Aber kiffe nicht. Und dann ist einfach ein Tag leer. Ich habe zwei Fattigauer gekauft. Aber sie noch nicht geöffnet. Dann ist da plötzlich nichts weiter. Aber eben nicht nichts. Heute keine Arbeit. Und auch keine Not. Es gibt nicht mal einen ewig langen unerledigten To-Do-Zettel. Ich sehe mir ein paar Corona-Videos und einen Trailer an. Aber dann mach ich Youtube wieder aus. Ich habe kein Corona. Keiner hier. Es ist März Zweitausendzwanzig. Und heute ist da plötzlich gar nichts. Aber es war gar nicht so plötzlich. Es ist einfach Dienstag. Die Kinder sind bei Oma. Und ich versuche, mir zu erlauben, daß einfach nichts besonderes ist. Keine Krise. Keine Arbeit. Keine Euphorie. Keine Pläne. Keine Konjunktive. Daß hier grad einfach Leben stattfindet was ruhig ist. Ich habe nicht mal Lust irgendwas Besonderes zu tun. Meiner Oma einen Brief schreiben. Ein Video aufnehmen. Ein Lied schreiben. Es ist einfach sehr still. Und ich finde das sollte hin und wieder so sein. Gestern früh habe ich Sonntagsbrötchen gemacht. An einem ganz normalen Arbeitstag. Und ich höre Richard Dorfmeister und finde Sonntagsbrötchen machen subtil den Montag düster. Ich werde mich hinlegen und ein wenig meinem Atem lauschen.

Wenn Du willst, daß etwas schnell vorüber geht, dann sorge dafür, daß es Spaß macht

“Weißt Du was ich echt oft höre, wenn ich zu Leuten sage, daß Rauchen tödlich ist, weißt Du was die dann echt, echt oft sagen, also echt dauernd?” sagt meine elfjährige Tochter während sie sich vorm Spiegel einen Zopf flechtet. “sie sagen ‘das ganze Leben ist tödlich’ “. Und rollt mit den Augen. Und echte Nachdenklichkeit in ihren Augen. “Das sagen sie??” frage ich? Und merke aber, daß meine Tochter über noch etwas anderes verärgert ist. “Na also das stimmt ja auch irgendwie. Ich weiß schon, daß das ganze Leben tödlich ist.” Und während ihre Finger sich immer wieder dreifach ineinanderbewegen kann ich an ihren nicht vorhandenen Stirnfalten sehen, wie sie sichtlich immer noch diesem Logikalgorhytmus auf die Schliche zu kommen versucht. Was für eine komische Welt denke ich. Wir sagen immer Kinder sind so weise und klug und all sowas. Bei jeder Zigarette bei der meine Tochter sagt: Mammaaa, rauchen ist schädlich!! Hat sie einfach recht. Fertig. Da kann ich mich auch einfach mal hinstellen und mit der Wahrheit konfrontieren. Und irgendwie ne Entscheidung treffen. Verrückte Welt das alles denk ich. Kennen Sie diesen Hinweis auf Teepackungen, wo steht: “Immer mit kochend heißem Wasser übergießen, und mindestens 5 Minuten ziehen lassen. Nur so erhalten Sie ein sicheres Lebensmittel”? Und um den Satz nachzusehen, sehe ich, daß Leute in irgend einem Forum www.hast-du-dich-mal-gefragt-wo-mutti-letztens-war.de, dann fragen, zu Recht, aber eben so besorgt: oh, muß ich mir Sorgen machen? Was könnte denn da “unsicheres” im Tee sein? Und ich denk mir nur so: HÄÄ? Was zur Hölle machen die denn da in den Tee rein??? Ich meine … TEEEEE!!! Also ja ja ich weiß daß eigentlich nur die zweieinhalb Pflanzen wirklich Tee heißen und das andere heißt Aufgußgetränk oder so, aber ich meine wie beim Salat sag ich jetzt einfach mal Tee. Ich meine TEEE??!!! Was zur Hölle macht ihr da rein, daß ich das abkochen und fünf Minuten warten muß!!?? Dann geht doch lieber raus, pflückt Euch paar Brennnesseln und schüttet da kochend Wasser drüber. Herrgott. Verrückte Welt. Eine verrückte Welt denke ich. Und ja ja. Ich brauche Kaffee halt. Wir brauchen das halt. Also ohne Kaffee morgens, bin ich echt nicht zu gebrauchen. Das sind so Geschichten die wir uns erzählen. Daß wir etwas mögen, und dieses Mögen eben einfach so ist, wir mögen es halt dunkel. Oder hell. Das mögen wir halt. Bevor ich Mutter war hab ich das auch noch gedacht. Daß meine Vorlieben und mein Mögen halt so gesetzte Dinge sind, ein sich meinem Willen völlig entziehendes Persönlichkeitsphänomen. Ich kann schließlich nicht entscheiden, was ich mag und was nicht. Hab ich lange gedacht. Klingt auch logisch. Kann vielleicht sogar sein! Keine Ahnung. Ich weiß nur, als Mutter lernst du irgendwann, daß es schneller geht, wenn Du Dich entscheidest einfach zu mögen was Du tust. Oder tun mußt. Oder daß Du es jetzt einfach für diesen Moment magst. Du entscheidest Dich einfach, es so zu betrachten, wie Du es betrachtest wenn Du es magst. Weil es dann einfach reibungsloser geht. Freu Dich auf’s ins-Bringen-bringen und sie schlafen sofort ein. Hab kein Bock auf ins Bett bringen und es dauert eeeewig. Ts. Das ganze Leben ist tödlich. Schon klar. Dann leb aber auch, als hättest Du vorm Leben keine Angst mehr. Verrückte Welt das…

Adieu JobCenter

So ein bisschen albern kommt es mir schon manchmal vor, wie groß ich es empfand. Und gleichwohl. Es war groß. Es wurde größer im Nachhinein. Ein Armutszeugnis, aus gewisser Sicht, daß es mir ein solcher Schritt war. Und doch. Man fängt doch immer mal wieder klein an. Da kann ich noch so sehr fünfunddreißig sein. Stellen Sie sich die Absurdität dessen vor, einen Schritt nur deshalb nicht zu machen, weil man ihn so spät macht. Und natürlich, eine gewisse Dramatik habe ich der Szene auch gegeben. Hätte den Brief fast ausgedruckt und mir an die Wand gehängt. (Habe ihn in mein Blog gestellt.1 Kommt ein bisschen aufs Gleiche raus 😉 )

Dramatik jedenfalls. War da. Gleichwohl schloss sich die eigentliche Dramatik erst an, und tut es noch. Nicht so Drama-mäßig daß ein psychologischer Hurrican über mich eingebrochen wäre. Es waren eher so einige kleinere Tsunamis. Die man auf offener See selbst kaum spürt, aber wenn man dann ans Ufer kommt findet man alles verwüstet vor. Eine Hafenwelle.

Hartz IV zu bekommen, das sieht schon beim Schreiben scheiße aus. Da spannt sich in mir gleich immer so der antrainierte politisch korrekte Nerv an. Da will man ja jetzt keinen als Looser hinstellen. Hartz Vier zu kriegen sagt ja nichts über den Menschen aus, ich bitte Sie.

Auch gut finde ich dann die umgekehrte Sichtweise, man würde Hartz Vier ja nicht kriegen, sondern es sich nehmen. Und die dazugehörige obligatorische Herablassung gegenüber den entwürdigenden Verfahren und den erkenntnisresistenten Sachbearbeiterinnen. Hin wie her, es kreieren sich absorbierende oder zurückschlagende Opfer dieses Systems. Opfer. Kann man nicht anders sagen. Schon das Wort Opfer selbst ist entweder eine Beleidigung oder ein zum Ernstwerden mahnendes Etwas.

Sehen Sie, schon allein beim Schreiben, ich beginne den Absatz mit dem Wort Hartz Vier und ende mit unbeliebten, gewichtigen Substantiven. Himmelherrgott.

Und davon wollte ich weg. Und sei es mit einem etwas emotionalen, stolzgeschwellten Tusch. Wenn auch wenig gehört, so doch von mir.

Adieu JobCenter. Hab’ ich gesagt, und dachte irgendwie, die ganze Welt würde mich beglückwünschen. Am meisten dachte ich würden das die Sachbearbeiterinnen tun. Frau Laux, dacht ich, Fanfare, Sie sind die zweiundsiebzigste Kundin dieses Jahrzehnts, die diesen Schritt geht, ich beglückwünsche Sie zu dieser Entscheidung! Sollten Sie weitere Hilfe benötigen zeigen wir Ihnen gern, wo Sie weitere Unterstützung finden. Schließlich ist dies ja der eigentliche Zweck unseres Unternehmens: uns überflüssig zu machen. Sie zu integrieren! Nehmen Sie also als Zeichen unserer Anerkennung Ihres Mutes und Ihrer Willenskraft dieses ledergebundene Notizbuch und diesen Blumenstrauß, und in diesem Sinne darf ich aus voller Überzeugung die Formulierung „auf Wiedersehen“ hier außer Gebrauch lassen, und Ihnen stattdessen einen wunderbaren weiteren Weg wünschen! TaDaa!

Nichts da. … „Sind Sie sich sicher Frau Laux?“. „Echt, und weißt Du schon was Du dann machst?“ „Aha. M hm. Nun ja. Wenn du das für richtig hältst.“ Keine Bewunderung. Schulterklopfen. „Endlich“. Und ich war so stolz auf mich… Aber tja… was ich danach machen würde? Und ob das wirklich „klug“ aus allen Perpsektiven dieses Wortes war? Keine Ahnung.

Weg wollte ich. Aus dieser Opferitis. Herrgottnochmal. Dieses „Du schaffst es ja doch nicht allein.“ Bäh. Dreizehn Jahre lang. Oder lassen wir es mit Abzug der zwei Kinder und der drei und fünf Monate Arbeiten acht Jahre sein. Acht Jahre JobCenter. Knick Knack Kleben, das ist genug für ein Leben. Wie ich da immer wieder angetanzt bin, im Brustton der Überzeugung, daß ich JETZT weiß wo lang es geht. Und beim dritten Mal hat mein Sachbearbeiter dann nur noch müde geschmunzelt, ich fand ihn eigentlich sympathisch, wenn ich nur nicht die ganze Zeit damit beschäftigt gewesen wäre, meine Würde aufrecht zu erhalten.

Nun denn. Ich beginne jetzt die Schritte die ich vielleicht direkt nach dem Erlangen meiner allgemeinen Hochschulreife hätte gehen sollen. Es ist mir unangenehm. Aber nun gut. Und es ist auch anderthalb Jahre her, daß ich mich vom JobCenter losgesagt habe. Aber nun gut. Manche Anfänge ziehen sich und sind gar nicht immer auf den ersten Blick als solche erkennbar. Und ich habe immernoch nicht die Steuererklärung vom letzten Jahr fertig abgeschickt, und es ist Oktober. Aber nun gut. Aber das JobCenter. Es ist nicht mehr in mir, würde ich behaupten. Fetzen davon schwimmen natürlich noch in mir herum. Selbstverständlich. Was sind anderthalb Jahre gegen acht. Aber ein wenig, ganz heimlich, weitet sich schon meine Brust, wenn ich lausche, und breit macht sich ein leises, sehr angenehmes: Adieu JobCenter!

1 Ja ja, aber ich stelle meine Dinge auch gerne IN einen Blog, was sollen sie denn AUF ihm?

Tullamore Dew

Gib mir einen Whisky und ich sage Dir, wieviel Whisky Du mir gegeben hast. Ich finde das Herausragende am Schreiben ist nicht die Idee, die man hat; bekifft am Schreibtisch oder bei einem Gespräch, auf dem Klo oder auf dem Fahrrad. Große Literatur ist entstanden, weil sich jemand nach einer Idee noch einmal an die Idee gesetzt hat. (Ja, auch kleine Literatur. Verzeihen Sie mir diese missbräuchliche Vereinfachung, und was ist schon groß oder klein…) Er hat mit ihr gekämft. Gerungen. Sie verworfen. Dann nochmal hervorgeholt. Dann verändert. Dann den Überblick verloren. Und ihn dann wieder hervorgezogen aus den Untiefen seines Unterblickes.

Tippen, Staunen, mich freuen, Herausschreiben, das kann ich gut. Haben Sie auch „der Weg des Künstlers“ gelesen? Tjajaa, das mit den Morgenseiten ist gut. Das kann ich gut.

Aber der Weg hin zu einem „Fertig“, der ist bisweilen abscheulich. Oder sagen wir… er kommt mir so vor. Es ist zu warm in diesem Zimmer und ich meditiere morgens eine elfminütige Meditation aus dem Kundalini-Zyklus. Schon den dritten Tag in Folge und bin ganz stolz auf mich.

Aber Fokus ist Kampf manchmal.

Und wann ist es dann fertig? Färtig. Vollständig. Kaputt. Gerade. Wenn es mir gefällt? Wenn sich eine innere Ruhe einstellt? Wenn der Wind sich an die Scheibe schmiegt und flüstert: „Es ist fääääärtiiig“? Vielleicht sollte man beim Hinausschreiben nüchtern sein, beim Erneutlesen bekifft, beim Redigieren verliebt, und beim Fertigstellen sollte man leicht einen Sitzen haben. Und es für fertig erklären sollten dann drei Unabhängige Freunde. Ich also bin schon im Ansatz gescheitert.

Innengespräche I

Das Loslassen loslassen.

Das Loslassen ist auch so ein Wort was man irgendwann nich mehr hören kann. Weils halt auch immer so stimmt, aber auch irgendwie nicht. Irgendwann. Es wird so paradox dann, das Loslassen, daß es irgendwann nicht mehr funktioniert, darüber nachzudenken. Daß man dann das Drübernachdenken loslassen muß, wenn man das Loslassen loslassen will.

Mein Vorschlag wäre: Lass es doch lieber mal sein. Let it be und so. Lass sein. Also ja, ich mein nicht so im Sinne von ach nimms Dir nicht so zu Herzen. Ich mein es so wie’s dasteht. Lass es doch einfach mal sein. Ein Kind will auch nicht immer losgelassen werden. Manchmal wills vielleicht einfach erst mal sein gelassen werden.
Es sein lassen, das kann man in der blödsinnigsten Situation ja eigentlich immer ganz wortwörtlich nehmen: daß die Dinge, die grad sind, vor allem die, die am meisten nerven, erstmal halt so sein gelassen werden.
Und wenn dich das nervt, das ewige Gerede von etwas sein lassen wie es ist, das ganze spirituelle Zeug, dann kann doch auch dieses davon-genervt-sein erstmal sein dürfen. Oder nicht? Und wenn ich wütend bin wie sau, muß ich dann die Wut immer gleich loslassen können müssen? Kann die nicht auch einfach erstmal sein?
Wenn ich etwas loslassen will, damit ich endlich keine Probleme mehr damit habe, dann kannste aber auch echt warten bis das dann irgendwo aus ner andern Ecke mit ner andern Maske wieder an die Tür klopft.

Wenn ich etwas sein lasse, dann heißt das auch nicht automatisch ich find das super, dann heißt das erstmal nur: ah. Es existiert.
Das kriegen wir nämlich nich so richtig auf die Ketten hab ich das Gefühl. Daß eine Existenzanerkennung nicht heißt, daß ich total glücklich und im Einklang mit dem bin was da existiert. Ein Ja ist doch nicht automatisch ein Gut oder richtig. Und Nein heißt nicht sofort, daß es schlecht oder falsch ist. Ein ja erlaubt erst mal nur. Und ein sein lassen erlaubt auch erst mal nur.

…Also losgelassen habe ich all diese Gedanken offensichtlich noch immer nicht. Aber vielleicht kann ich sie jetzt hier ja einfach mal sein lassen.

🙂

schule…

Wissen Sie was ich mit 13, 14 und 15 in meine Tagebüchern geschrieben habe, wenn ich mich gefragt habe was der „Sinn des Lebens“ ist? Lernen. Lernen hab ich da geschrieben. Obwohl ich Schule gehasst habe! Und heute denk ich: Mensch, eigentlich, gar nicht so doof. Wenn man die Frage nach dem Sinn mal als die Frage nach dem Prinzip des Lebens versteht. Dann ist Lernen doch etwas was allem, was lebt, inne wohnt. Sich entwickeln!

Und wissen Sie, was für jemanden wie mich, mit einem solchen Lebens-Sinn, der fieseste Ort war den man dazu besuchen konnte?

Die Schule!

Als ich in die Schule gegangen bin, habe ich so wenig erlebt, was mein Bedürfnis nach Lernen gestillt hätte. Für mich war Schule kein Raum für Lernen. Für mich war Schule ein Gebäude. Paradiesstraße 35. (Was für eine Ironie…). Man sagt ja auch „ich bin in die Schule gegangen“. Man hat Schule nicht erlebt, man ist in die Schule gegangen. Um etwas zu lernen.

Ich glaube Schule ist nicht nur fies für jemanden, der keine Lust hat zu lernen, sondern auch für jemanden, der Lust hat zu Lernen.

Und ich habe es damals schon gehasst. Diese Aneinanderreihung von Tagen. Aber seit ich aus der Schule raus bin, und dann langsam Räume gefunden habe, in denen ich mich entwickeln konnte, jetzt erst, wo ich mich durch meine Kinder, durch Beziehungen, durch Krisen, durch meine Arbeit, tatsächlich immer wieder ein Stück entwickle, jetzt erst wird mir so richtig klar, wie absurd es ist, daß wir ausgerechnet die Schule so entwicklungsfeindlich gestalten, daß dann niemand mehr Bock hat zu lernen. Daß wir Lernen als ein notwendiges Übel betrachten, als ein Prozess durch den wir uns kämpfen müssen und an dessen Ende erst, wenn wir es schaffen uns durchzubeissen, sowas wie ein Erfolgserlebnis steht, eine Belohnung. Und daß wir dann auch denken, je älter wir werden, umso schwerer fällt es uns, etwas Neues zu lernen. Weil wir Lernen als etwas betrachten, was unheimlich viel Energie kostet, von der wir im Alter immer weniger haben. Schule ist kein Ort, der sich um ein Bedürfnis kümmert, was uns allen inne wohnt. Schule ist ein Ort, den wir notgedrungen besuchen müssen, damit wir es danach im Leben zu irgendetwas bringen.

Am meisten habe ich das immer nach den großen Ferien bemerkt. Nach so einer kleinen Pause vom Müssen, in dem das Wollen sich wieder so langsam Bahn brechen konnte, da gab es in mir immer wieder so ein kleines Feuer, eine kleine Flamme, die Lust hatte. Lust hatte zu lernen. Sich zu beteiligen. Teil zu nehmen. In Beziehung zu stehen. Mich zu zeigen. Immer kurz nach den Ferien hatte ich saubere Hefter. Neue Stifte. Einen aufgeräumten Rucksack. Und hatte so eine Lust. Lust auf Neues. Lust auf Wissen. Lust auf Sinnzusammenhänge. Lust darauf mich mit der Welt in Beziehung zu setzen. Lust zu verstehen.

Und dann hattest du jedes Fach einmal. Und weg war die Lust. Weil es nicht um Lernen ging. Es ging nicht um Entwicklung. Es ging nicht um mich. Es ging um Überschriften. Mit welcher Farbe schreibe ich jetzt diese Überschrift in meinen Hefter. Doppelt unterstrichen oder einfach? Komma rechnen und Notendurchschnitte bilden. Das konnten wir alle sehr schnell. Und sich Klausurentermine merken. Und wissen, daß alle unglaublich auf einen Abschluss stehen.

Als würde man einmal im Jahr ins Kino gehen und wenn man vor der Leinwand sitzt merkt man daß sie den gleichen Film bringen wie jedes Jahr und dabei den Ton abgestellt haben. Da standen sie. Herr Geißler. Frau Liemen. Herr Stenzel. Frau Lotze. Weit weg von einem. Adieu, Bedürfnis nach Lebendigkeit.

Ich meine klar, es gab immer wieder Versuche dem ganzen etwas Leben einzuhauchen. Natürlich. Die Lehrer hatten ja selber keinen Bock auf diesen ganzen zelebrierten Stillstand. Also haben wir unsere Tische umgestellt! Mal was anderes! Oder wir haben ein Video geschaut! So wegen der jugendlichen Lebensrealität. Oder es gab Exkursionen! In den botanischen Garten! Oder manchmal konnte man einen Vortrag halten. Oder eine Belegarbeit schreiben. (Also eigentlich konnte man nicht, man musste…)

Diese ganzen Versuche kommen mir vor wie die Ergotherapie in der Psychatrischen Klinik. Der Versuch ist gut gemeint, bringt kurz Ablenkung, aber so am grundsätzlichen Problem ändert das überhaupt nichts…

Aber ich bin eben auch unglaublich ungeduldig. Und durstig. Das meine ich ja. Das ist ja genau der Grund warum ich die Schule so malträtierend fand. Weil ich Lust habe mich zu entwickeln.

Und ich meine damit nicht permanent Wachstum. Ich meine damit Entwicklung. Das meint nicht besser werden. Höher. Schneller. Weiter. Der Kirschbaum ist auch nicht besser als der Kirschkern. Er hat sich eben nur daraus entwickelt.