Innengespräche I

Das Loslassen loslassen.

Das Loslassen ist auch so wein Wort was man irgendwann nich mehr hören kann. Weils halt auch immer so stimmt, aber auch irgendwie nicht, irgendwann. Es wird so paradox dann, das Loslassen, daß es irgenwann nicht mehr funktioniert, dadrüber nachzudenken. Daß man dann das Drübernachdenken loslassen muß, wenn man das Loslassen loslassen will. Um es kurz zu machen, ich finde es schöner, es: Sein zu lassen! Speaking words of wisdom: let it beeee. Und songtexte.com übersetzt die Zeile mit: „Nimms Dir nicht so zu Herzen“. Das meine ich aber nicht mit Sein lassen. Eher das Gegenteil.
Es sein zu lassen, kann man in der blödsinnigsten oder anstrengensten Kommunikation nämlich eigentlich immer ganz wortwörtlich nehmen, und somit die Dinge, die grad sind, vor allem die, die am meisten nerven, erstmal in ihrer Existenz anerkennen. Es eben: sein lassen.
Und wenn dich das jetzt übelst nervt, das ewige Gerede von etwas sein lassen wie es ist, was dir dann immer so mega spirituelle Leute überhelfen wollen, dann kann doch auch dieses davon-genervt-sein erstmal sein dürfen. Es sein lassen heitß nämlich, etwas in seiner ganzen Existenz zur Tür herein bitten und sagen, jou. Na dann mal alle an einen Tisch jetzt, wer will Wasser, wer will Whisky und wer will Tee?
Wir wollen ja gern immer Sachen loslassen. Oder meinen, sie halt endlich mal loslassen zu müssen. Aber wenn ich was loslassen will, weil ich meine, daß ich es dann mal endlich los wäre, wenn ich es losgelassen habe, dann habe ich es ja irgendwie noch nicht: losgelassen.
„Ich sollte Loslassen, so viel drüber nachzudenken.“ (…damit ich endlich mal wieder klar komme hier und wieder leicht und frei mit den Leuten in ne Kneipe gehen kann und nicht immer alles so ernst nehme…). Also ich weiß nicht wie’s Ihnen geht, aber wenn mich jemand mit so nem leicht genervten Einatmen und konzentrierten Augenschließen zur Tür reinlässt und dazu sagt: ‘na dann komm halt rein, wenn das der einzige Weg ist, daß du mal Ruhe gibst Alter. (Ich hoffe irgendwann kann ich dann mal ne Party ohne Dich feiern…’) , dann fühl ich mich jetzt nicht unbedingt so eingeladen, also so, daß ich mich hier wirklich eingeladen oder zu Hause fühle.
Wenn ich also etwas endlich loslassen will, damit ich endlich keine Probleme mehr damit habe, dann kannste aber auch echt warten bis es irgendwo aus ner andern Ecke mit ner andern Maske wieder an die Tür klopft.

Wenn ich es aber mal versuche: sein zu lassen. Dann sag ich, vielleicht schweren Herzens, oder nicht ohne Mühe, aber dann sag ich: ‘okey. Komm zur Tür rein. Wenn wir nicht alle mal an einen Tisch kommen und uns zuhören, dann will ich irgendwann in diesem Haus auch nicht mehr wohnen.’
Wenn ich etwas sein lasse. Dann heißt das auch nicht automatisch ich find das super, dann heißt das erstmal nur: ah. Es existiert.
Das kriegen wir nämlich nich so richtig auf die Ketten hab ich das Gefühl. Daß nämlich eine Existenzanerkennung nichts mit Wertung zu tun hat. Das ein Ja nicht automatisch ein Gut und ein Nein kein Schlecht ist. Und ein Ja kein richtig und ein Nein kein falsch. Sondern daß ein Ja erstmal nur eine Existenzanerkennung ist.
Ein Ja ist auch eine Erlaubnis. Und eine Erlaubnis ist aber nicht per se ein Gut. Also was auch immer wir jeweils mit ‘gut’ verbinden. Aber eine Erlaubnis ist erstmal keine Wertung. Eine Erlaubnis von einem Aspekt verunmöglicht nämlich nicht die Erlaubnis des gegenteiligen Aspekts.
Und wir halten das immer nicht aus. Daß etwas erlaubt und vielleicht sogar eingeladen sein kann, was aber eigentlich ziemlich nervt.
Wenn man aber etwas „loswerden“ will, in dem Sinne, daß man sich nicht mehr so sehr gesteuert fühlen will davon, oder weil es halt einfach nervt, oder weil es einen am Wachstum hindert, oder weil es einem die Ruhe verwehrt, oder die Kehle zuschnürt oder das Herz kalt macht oder den Kopf schmerzen lässt oder weiß der Geier. Wenn man also irgendwie will, daß es etwas schöner wird, dann ist, finde ich, der einzig sinnvolle Weg, oder vielleicht auch einfach der effektivste, die Dinge schon irgendwie loszulassen, aber eben indem ich sie Sein Lasse. (Wie sie sind.)
Das paradoxe ist und bleibt eben: Wenn ich etwas wirklich sein lasse, ich meine wirklich vollsten Herzens zum Tee einlade und Lust habe zuzuhören. Dann will ich es dann gar nicht mehr so ganz schlimm loslassen. Also dann ist die Formulierung einfach gar nicht mehr passend, daß ich es nicht mehr haben will, oder es mich nervt, oder es gar so schlimm ist. Und solange ich es aber loslassen will, damit ich endlich Friede schließen kann, oder damit es nicht mehr nervt, oder damit es nicht mehr so schlimm ist, dann habe ich es eben: offensichtlich noch nicht richtig sein gelassen.

Wenn ich also beispielsweise zu Hause bin, und endlich mal wieder am Rechner sitze, und es endlich sein lassen konnte, daß er jetzt nicht hier ist, sondern bei ihr, und ich endlich wieder Stabilität gewonnen habe, weil ich weiß, daß selbst wenn das Handy jetzt neben mir liegt, ich ganz sicher heute keine Nachricht mehr an ihn schicke, weil ich dazu endlich mal wirklich keine Lust habe, wenn ich dann trotzdem auf das Handy neben mir schaue, ob er noch online ist, und ich also, wenn man es ganz genau nimmt, offensichtlich hier irgendwas noch nicht gänzlich losgelassen habe, dann kann ich mich auch hier hinsetzen, druchatmen, und kann dann eben auch die Tatsache, daß es manchmal verdammt schwer fällt, loszulassen, das kann ich dann auch wieder versuchen: Sein Zu Lassen.

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