Uns gehen die Worte verloren. Um manche Worte ist es nicht schlimm. Sie werden abgelöst. Und sind ein Zeichen der Zeit. Um manche ist es schade. Bandsalat. Es waren schöne Worte. Aber vielleicht muss man das einfach nehmen, das ist Sprache eben. Ein Spiegel und Kreateur der Zeit, gleichermaßen. Wie auch immer. Um manche ist es nicht so dramatisch, dass wir unbedingt aufhorchen sollten. Aber um manche, um manche eben schon.
Frieden. Wahrheit. (Sehen Sie, haben Sie den kurzen Moment gespürt, in denen etwas in Ihnen zurück gewichen, oder zumindest in einen Millimeter der Abwehr oder der Sehnsucht gegangen ist? Nur einen kleinen Moment…? Uh, eines dieser „großen“ Worte, was mag jetzt kommen…?)
Sicherheit. Freiheit. …
Ich will es verdeutlichen:
Frieden.
Können Sie persönlich einem Gespräch zuhören, in dem das Wort Frieden fällt, ohne dass Sie sich so etwas fragen wie: …“naja, erstmal abwarten…welcher Friede ist gemeint.?“
Und ich meine damit nicht Gespräche mit Menschen, deren Wahrheiten Sie absolut teilen und von denen Sie sicher sind, dass diese die Ihren teilen. Ich meine einfach gesellschaftliche Gespräche. In einer Bar am Nebentisch. In der Straßenbahn. Im Café. Horchen wir nicht kurz auf, zumindest sofern wir mit diesem Wort aktuell irgendwie in Resonanz stehen, und begegnen dem Wort Friede mit einer mindestens anfänglichen Skespis? Wer sagt da gerade Friede? Wer benutzt dieses Wort? Also wenn die Antifa dieses Wort benutzt ist es sicherlich etwas ganz anderes als ich mit Frieden meine, ts, Waffen für den Frieden, na klar? Friedenstauben, eigentlich inzwischen im ersten Augenblick eher ein Gedanke von: Ok. Naja. Alles klar. Ich wette drei zu eins dass die auch AFD wählen. (Und in erschrecken großem Prozentsatz vermutlich leider Recht haben…) Das Wort Friede, ist es nicht längst zu einem Diskussionsgegenstand geworden? Ein Aspekt, dessen Facetten und Interpretationsspielräume man erst einmal ausloten muss um zu wissen, ob man es unterschreibt? Und habe ich nicht „Frieden“ kennen gelernt, zumindest auch noch im Zusammenhang mit einer (weißen) Friedensfahne? Eine Kapitulation / um des Friedens Willen? À la: „Okey, okey, Frieden, du hast gewonnen. Könne wir jetzt wieder Freunde sein?“ (Oder meinetwegen: „[…] kann ich jetzt einfach weiter mein Bier trinken“? oder eben auch: „[…] ich habe keine Mittel und keine Lust mehr Krieg zu führen“?)
Wie auch immer geartet, ich habe Frieden (noch) als etwas kennengelernt -und zum Glück auch im Laufe der Zeit auch wieder als etwas kennen gelernt- was schon allein durch das Aussprechen des Wortes eine Art Stimmung erzeugt. Eigenartigerweise halt auch immer eine Stimmung die, naja, friedlicher war als vorher…!
Und wo ist das hin? Dieses Wort? Also,… d i e s e s Wort… ?
Wahrheit
Um Himmels Willen. Die Wahrheit. Mir zieht sich alles ein wenig zusammen, wenn ich das Wort „Wahrheit“ höre… Ein unfassbar mit: Streit verbundenes Wort auch. DA die Wahrheit ja so ist, handelst Du falsch. Ergo. Sum. DA die Wahrheit ja so ist, ist DIES die einzig sinnvolle Entscheidung. Was wurde über Wahrheit gestritten und getriggert, meine Güte. Und zwar von allen Seiten! Das Robert-Koch-Institut. Eine Brandmauer der Wahrheit. Aber keine Sorge. Auch Telegram-Kanäle, Videokanäle, die versucht haben auf Teufel komm raus finanziell genauso gut ausgestattet auszusehen wie ein ARD Morgenmagazin, und exakt wie ein Deutschlandfunk und eine Böhmermannsendung, nicht einen Nanometer Spaltbreit für die Möglichkeit, man könne sich irren. Die Wahrheit. Hier wird sie postuliert. Und wer diese Wahrheit anzweifelt ist eine Marionette oder ein Abgedrifteter. Was haben wir uns mit der Wahrheit ein Schutzschild gebaut. Weil Wahrheit zu etwas wurde, was dort draußen ist. Wir verbinden Wahrheit mit einer: Faktenlage.
Aber was ist denn mit der Wahrheit in: „Jetzt sag mir endlich die Wahrheit? Warst Du gestern bei ihr oder nicht?“. Oder auch: „Jetzt sag mir doch endlich die Wahrheit, hast Du sie gewählt oder nicht?“ … / … „[…] „wovor hast Du wirklich Angst?“ … / […] warst Du jetzt auf der Demo oder nicht?“ … / […] ist es wirklich, ich meine wirklich Deine Überzeugung, dass es irgendetwas an dem Schmerz ändert, selbst wenn es auch nur ein Mensch weniger als sechs Millionen wäre? Bist Du wirklich dieser Überzeugung? Sag mir bitte endlich die Wahrheit. Würdest Du wirklich wirklich wirklich einem Gesetz zustimmen, welches alle, wirklich alle Menschen dazu zwingt sich gegen Corona impfen zu lassen? Sag mir doch bitte die Wahrheit!?
Wir kennen Wahrheit nur noch als einen Begriff des Journalismus‘. Aber Journalismus hatte NIE das Ziel unsere gemeinsame Wahrheit zu finden. Journalismus hat, oder sagen wir, … also so wie ich Journalismus lieben kann, hat er die Aufgabe und die Gabe, zu sehen, zu hören, zu fragen. Und das Gesehene, Gehörte und die Fragen samt ihren Antworten mit anderen zu teilen. Aber wir reden hier von dem Wort „Wahrheit“! Nicht von der objektiven Wahrheit. Diese Wortkombination ist ein gottesgleiches Oxymoron. Die objektive Wahrheit hat es noch nie gegeben, oder aber ist das große Geheimnis, die roten Menschen nennen es „Wakantanka“. Von der objektiven Wahrheit sind wir so weit entfernt wie ein seine Kinder im Suff schlagender Stiefvater von Mutter Theresa. Die objektive Wahrheit hat es noch nie gegeben, geschweige denn im Journalismus.
Es gibt Dinge, auf die sich einfach so viele Menschen auf der Erde geeinigt haben, dass es einer Exponentialkurve gleicht, die nie, und zwar nie nie nie die hundert Prozent erreicht, aber ihr so nahe kommt, dass einfach alle alltagsnotwendigen Rechnungen von einer Vollständigkeit ausgehen: Wir akzeptieren es als vollständige Wahrheit. Die Erde ist rund. Der Stein fällt nach unten. Deutschland ist ein Land. Der Euro die aktuelle Währung. Diese Wahrheiten sind Konzepte, auf die wir uns geeinigt haben, weil wir ohne eine solche Einigung nicht lebensfähig werden. Es ist gut, dass es diese Einigungen gibt!
Wir aber machen das Wort Wahrheit zu einem Wort, was sich in uns und unseren Kindern auf einer Ebene der Fakten aufhält. Aber Wahrheit. Es war für mich die längste (benutzbare) Zeit ein Wort der Klarheit. Der Ruhe. Der Richtung. Wahrheit war für mich die überwiegende Zeit ein schönes Wort. So wie es Frieden, Sicherheit oder Freiheit auch war. Es war ein Wort was Wärme erzeugt hat und meine Muskeln entspannt hat. Aber das ist es nicht mehr (nur). Und wir sollten vorsichtig sein damit, was wir mit ein paar Worten tun.
Sicherheit.
Was für ein warmes Wort. Ein Wort an dem so gar nichts falsch ist. Solange bis ich Zeitung lese. Oder der Awarenessbeauftragten zuhöre. Sicherheit ist ein Wort des Zu Hause seins. Des Halts. Der Ruhe.
Aber Sicherheit. Wenn ich die Augen schließe und einfach das Wort Sicherheit höre, ich meine an so einem normalen Tag, erster Kaffee, Zeitung, Podcast, Fernseher. Es ist ein Wort der Mauern geworden. Ein Wort der Abwehr. Und ich habe nichts gegen Mauern. Zäune. Wände. Im Gegenteil. Mauern von Märchen. Mauern im Prießnitzgrund. Efeubewachsene Zäune. Ich liebe die Abgrenzung. Denn sie gibt mir: Sicherheit. Ruhe. Hier. Ich. Leben. Aber messen Sie doch mal Ihren Muskeltonus bei einem Nachrichtenbeitrag, in dem das Wort „Sicherheit“ auftaucht, und vergleichen Sie diesen mit dem Tonus beim Hören eines Beitrages, in dem das Wort „Freibad“ vorkommt.
Freiheit
Das Wort, für mich, eigentlich, mit einem seltsamen Flirren verbunden. Die Möglichkeit in einfach jede Richtung atmen zu können. Eine Ahnung, dieses Wort. Und ein Mysterium, für mich. Sie korrespondiert, auf spannende Weise, bei mir zumindest, mit dem Wort Sicherheit. Auch. Dennoch. Ein Wort des Atmen-Könnens. Ich habe auch die Ahnung, das andere eine wesentlich größere oder kleinere Sehnsucht mit diesem Wort verbinden. Manche wiederum fast ein Müssen. Oder eine Gefahr. Und dennoch. Ein schönes Wort. Ein großes Wort.
Aber wir. Was machen wir. Die Freiheit am Hindukusch. Die Meinungsfreiheit. Das Sich-eingeschränkt-fühlens darin. Weil DU, deswegen ist MEINE Freiheit. Was stimmen kann. Ich will gar nicht argumentieren. Nur suchen, nach diesem schönen Flirren, was dieses Wort doch auch hatte. Doch inzwischen: wer war es, Rosa Luxemburg? Hannah Arendt? Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden und so? Ich teile das, es ist eine bestechende Logik. Aber darum geht es mir nicht. Was ich meine ist die Anspannung im Wort versus der Schönheit.
Die Worte selbst, sie gehen nicht verloren. Die Buchstaben, sie werden noch eine ganze Weile bleiben, sie gehen nicht so schnell verloren. Aber manche Worte, sie haben, sie hatten zumindest, und ich will sie zurück: Eine Atempause. Sie hatten etwas, was keine Definition der Welt einzufangen in der Lage war. Sie hatten, haben, eine klitzekleine Eigendynamik. Und diese Worte, wenn Sie mich fragen:
Sie sind wichtig. Sie sind nicht umsonst: „groß“.
Das heißt nicht, zumindest nicht per se, dass man ihren Umgang sofort mit einem Gedanke der Sparsamkeit verknüpfen muss. Zumindest nicht vor Kindern. Oder zumindest dürfen Kinder diese Worte meinetwegen inflationär benutzen. Aber Kinder merken doch sowieso früher oder später, dass es große Worte sind, anhand der Reaktion ihrer Eltern: ein „Uff, Schatz, da fragst Du aber was“. Wir brauchen keine Angst vor diesen Worten in den Händen von Kindern haben. Wir sind es, die diese Worte füllen. Vergessen Sie unsere Kinder für einen Moment.
Aber es gibt Worte, die sind groß. Und das sind nicht übermäßig viele. Wir müssen die Sache auch nicht überdramatisieren. Es sind ein paar Worte. Nur ein paar. Warum können wir diesen Worten nicht ihre Energie lassen. Eine Hecke um sie pflanzen. Eine demütige Grenze darum ziehen. Freiheit. Sicherheit. Frieden. Wahrheit. Schönheit. Kein Kitsch. Keinen Vorwurf. Kein Belächeln. Kein subtiles Genervtsein. Einfach ein klein wenig Demut und die Fresse halten sonst. Lasst diese Worte in Ruhe. Diese Worte sind mit Wärme gespeichert. Oder sollten es sein. Nehmt andere Worte. Es ist auch wichtig, dass es Worte gibt die der Kälte Ausdruck verleihen. Das ist wichtig. Aber dann nehmt eben die dafür gedachten oder dafür geeigneten Worte. Aber lasst diese Worte in Ruhe. Allesamt. Singt sie in Liedern, die ihr Euren Kindern vorsingt, lasst sie ein Wegweiser für Sehnsucht sein. Aber lasst sie in Ruhe mit Eurer reinen Rationalität. Diese wenigen Worte sind doch ein klein wenig mehr als nur Buchstaben.
Und wissen Sie…!?
Es gibt noch ein Wort, das hüte ich wie ein Kuscheltier, was immer wertvoller wird, je mehr Kuscheltiere neu hinzu kommen. Es gibt noch ein Wort das ist noch so atemberaubend unangetastet von unserer immensen Fähigkeit, jedes schöne Wort madig zu machen oder auf eine Seite zu stellen. Es gibt ein Wort, das wir alle noch benutzen, aber in das maximal der Kitsch wirklich ernsthaft zu einer störenden Komponente geworden ist, aber der Kitsch hat zum Glück noch nie ernsthafte Waffen in die Hand bekommen. Ich liebe es, wenn ich nach einem langen Tag ins Bett gehe und die Wärmflasche unter meinen Füßen spüre. Ein Wort, was noch nicht ernsthaft betroffen ist, von der Inanspruchnahme rationaler Krampfigkeit. Und ich will es gar nicht weiter ausführen. Dieses Wort hat längst unter den Spirituellen Einzug gehalten, aber irgendwie hatte es die Gabe, immer davon gekommen zu sein von ernsthaft vernichtenden Urteilen, weil vermutlich Worte wie „Harmonie“ dafür in die Presche gesprungen und Angriffsziel aller von der Spiritualität genervten oder beleidigten Menschen geworden sind. Aber es gibt noch ein Wort, das sollte ich einfach gar nicht weiter in meine Ausführungen verloren gehender Worte mit einbeziehen. Gleichwohl. Ich bin so froh dass es dieses Wort noch gibt. Selbst die Kirche hat es nicht in Gänze kaputt gekriegt. Ich liebe diesen kleinen Augenblick absoluter Stille.
