Als gäbe es das je, als hätte es das je gegeben, diesen einen alten weißen Mann, und dennoch, tja, you name it, wir lassen diese Worte in die Diskussionen fließen. Wir malen ihn, mit unsren Worten, alt und weiß und Mann, da ist schon sehr viel festgelegt erstmal. Und ich kann sie teilen. Die Verwunderung. Die Abscheu, oder sagen wir die Wut. Diese Absurdität, wenn man das allzu oft geseh’ne noch einmal mit ganz andren Augen sieht: Dort oben (wo auch immer wir diese Richtung her nehmen), dort sitzen sie, beisammen, Ausschuss, Rat und Posten, Männer. Weiß und alt. Keine achtundzwanzig, keine dreiunddreißig, keine Pigmente, wenig Frauen, und wenn dann selber ziemlich weiß, Falten, Anzug und eine Trockenheit in diesen Anzügen und Falten, die erschrecken lässt. Und vor allem, diese Männer richten, werten und entscheiden über so vieles. Nicht nur heute. Kolonial wie kleine Kinder denen Macht die Brust anschwellen ließ und lässt. Ich kann ihn teilen, diesen Ärger. Und dennoch. Wir greifen nach den Worten, alt, und weiß, und Mann, und diese Worte. Margarete verkauft nur alte, grüne Äpfel. Nicht alle alten, grünen Äpfel sind wegwerfenswert, nicht alle alten, grünen Äpfel werden von Margarete verkauft, und doch denken wir bei Margarete an jene Äpfel und jene Äpfel können nur hoffen, nicht bei Margarete zu landen. Sondern vielleicht, mit etwas Glück, in den Händen eines Obstfreundes, der noch zu unterscheiden und vor allem wert zu schätzen weiß. Aber ja. Der Metaphorik ungeachtet, rund, ganz rund jetzt mal, leben 20 Millionen alte weiße Männer in diesem Land. Ganz rund jetzt mal, ist das ein Viertel. Väter. Onkel. Nachbarn. Klempner. (Ein Sternchen und ein Innen ist hier sehr offensichtlich gänzlich obsolet.) Von Euch, von diesem Viertel sei die Rede, und mehr noch, nicht von Euch: von uns, wann ist von uns die Rede? Von jungen, weißen Frauen, von alten weißen Frauen, von jungen, weißen Männern, von alten schwarzen Männern, wir alle sind es, die diese Worte auch umgibt, die wir von diesen Worten wissen, und sei es in der Abgrenzung. (Und lassen wir jetzt kurz das „schwarze“ weg, für einen Augenblick, die schwarze Hautfarbe, ich wünschte einmal nur, sie würden regieren diese Welt, Afrika würde einmal nur entscheiden, welche Gesundheitsfragen oberste Priorität haben, dieser Planet wäre ein besserer, glaube ich…) Jedenfalls. Die alten weißen Männer. Wir trennen uns von ihnen, sobald wir titulieren etwas, und wie gesagt, ich kann es teilen, denn bei aller Liebe, aber es waren viele alte, weiße Männer, die sehr sehr sehr viel Blödsinn für die Wahrheit hielten und sehr viel außer Acht gelassen haben und noch lassen, was lebenswichtig ist für unsre Welt. Und dennoch. Wir geben keine Acht mehr, auf die Trennung. Denn da ist ein Viertel. Ein ganzes Viertel. Und meinetwegen, meinetwegen halbieren wir das Viertel. Weil meinetwegen viele Männer, alt und jung, deutsch sind, und irgendwie auch kalt und komisch. Meinetwegen halbieren wir das Viertel. Wenn wir doch so gerne trennen. Verdammtnochmal. Da ist ein Mann. Ein weißer Mann. Lass ihn achtundfünfzig sein. Oder meinetwegen einundsechzig. Und dieser Mann er ist kein Schweisser bei der Seenotrettung, er ist nicht tätowiert und auch kein Künstler, er hat in seinem Leben keine Drogen genommen und auch keine Zeit der Rebellion und wilder Nächte hinter sich gelassen. Da sind Männer, deutsch und weiß, eher still, vielleicht, vielleicht mit einem Hobby, vielleicht mit Bonuspunkten auf der Bahncard, vielleicht mit zweidrei Beatles Alben und Neils Armstrong Platten im Regal, der Flora Incognita App auf dem Handy. Vielleicht im Osten groß geworden, vielleicht im Westen. Vielleicht mit Frau, vielleicht auch ohne. Und meinetwegen lass ihn neunundsechzig sein. Da sind Männer, deutsch und weiß, und selten auf ner Demo. Wir trennen.
Diese Zeit, sie clustert. Und sie richtet.
Und was aber, wenn diese Männer lieben auch. Wenn sie auch suchen. Und wenn sie nicht dumm sind, und nicht taub. Vielleicht ein wenig ungeübt. In einer Sprache, die so schnell und laut sich ausgebreitet hat, weil wir so schnell und laut sind. Was ist, wenn auch ein Mann mit einundsechzig liebt. Und zweifelt. Und versucht zu fühlen. Und zu verstehen. Was ist, wenn wir es auch sind, die verlernt haben zu lauschen. Und zu warten. Wir ziehen Grenzen, zwischen Alt und Jung, als käme nicht nach zwei auch drei, nach drei auch vier, nach vierzig sechsundvierzig und nach einundfünfzig auch die zweiundsechzig irgendwann. Und was wenn da auch Männer sind, die ganz genau so wie ein neunzehnjähriger und dann ein vierunddreißigjähriger auch einen Körper hat, der lebt. Der auch Regale anbringt, essen kocht und Blumen gießt. Der Gänsehaut verspürt und selbstverständlich, wie die andern alle auch, verdrängt. Der Musik hört, der sich wundert, der Tomaten kauft und Klopapier. Und der genauso, wenn auch anders, einen Kater hat, nach einem Abend mit nem Freund, oder ner Schuleinführung. Was, wenn wir vergessen, wie wir es so gerne an so vielen Stellen tun, auch dort: dass Grenzen fließend sind, und dass weiße Männer nicht immer alt sind aber jeder weiße Mann auch alt wird. Jeder Mensch die Übergänge kennt, oder eben kennen lernen muss auch, mit der Zeit. Und dann, dann ist ein Viertel dieses seltsam deutschen Volkes auch einfach immernoch: ein Mensch. Ein Mensch mit Unsicheheit, Wissen über irgendwas und sogar Sexualität. Ein Mensch der teilnimmt, an dem ganzen Wahnsinn hier, der wählen geht und der sich selbst aber vielleicht der Außenwelt leider zu wenig Fragen stellt. Ein Mensch, ein Mann in diesem Fall, der vielleicht auch still geworden ist, nicht nur, weiß Gott nicht einzig deshalb, aber vielleicht ja auch: aufgrund der Worte, anklagend subtil, der alte weiße Mann, er möge schweigen. Und ja, auch das, der eine und der andre weiße Mann, ich wäre froh drum, wenn er schwiege endlich mal. Wenn er mal weichen würde, zurücktreten und fühlen wieder. Oder einfach: Fresse halten. Ja, vielleicht ist es sogar auch flächendeckend gar nicht dumm, wenn sie mal inne halten würden, die alten weißen Männer, und zulassen, dass es auch andre Wahrheit gibt. Und dennoch. Es bewegt sich ja doch trotzdem etwas. Sie sind ja fließend, diese Grenzen. Und was also, was tun wir, wenn wir so hinausposaunen, diese Worte, und vergessen, dass es Männer gibt, die nicht jung sind, und nicht schwarz, die schweigen, und die dann zu Hause Beatles hören und irgendwie getrennt sind. Und in denen alles immer noch genauso auch passiert, die Wut, die Lust, die Liebe, der Genuss, der Zweifel und das Klopapier. Und die sich nicht wirklich mitteilen, nur manchmal, einem Freund, wenn sie sich seh’n, im Biergarten, und es auch etwas Zeit gibt. Die aber brauchen, Zeit und Mut, um zu benennen, das was vorgeht, in Kopf und Herz und Unterleib.
Wir trennen. Separieren. Oh so gerne und so schnell.
Alter, weißer Mann. In deiner Haut zu stecken, ich weiß nicht, wie es ist, du hast es nicht gelernt zu sagen, und wir, wir trennen dich und uns, und folgen damit einer alten, weißen Logik, die wie ich finde äußerst obsolet ist, und fatal sogar.
