Dörte Hansen / Altes Land

Ich schreibe diese Überschrift nur, für den Fall dass es irgend ein Algorithmus findet, eher findet, ich möchte platzen, ein Tag so hochfrequent wie die Rechenleistung einer KI, in Bruchteilen einer Sekunde, Ergebnisse, nur dass meine Ergebnisse allesamt noch verwoben sind mit Mensch, mit mir, mit Empfindungen. Es ballert durch mein System, ich lese Dörte Hansen, i love it, und dennoch werde ich wütend beim Lesen. Sie schiebt alle meine Synapsen nach vorne, ich kann nicht aufhören zu lesen und zeitgleich kann ich kaum weiter lesen weil jede Zeile in seiner Sprache nachvibriert, Vergleiche, Formulierungen, ich möchte Danke sagen die ganze Zeit, und dennoch denke ich: die Negativität gewinnt so viel leichter Fans, Sarkasmus, Tragik, gehauchte Düsternis, sie alle treffen unsren Nerv und ich möchte wüten, durch die ganze verdammte Lyrik, Poetry Slams am Stück, weil das Glück, der Rausch des Ja, die Liebe, die leise Erkenntnis, alles das was Antwort gibt und milde ist, ebbt ab, zum Schluss. Es verklingt. Scheint resonanzlos.

Ich möchte dieses Spiel gewinnen, ich glaube das ist alles. Und dieses Spiel heißt Leben, und ich kann verlieren, ich werde mich geschlagen geben, wenn es sein muss, aber erst wenn es sein muss. Ich glaube nicht an das Gute, ich hoffe nicht auf Erlösung, ich will einfach nur mitspielen, und ich sehe noch immer ungespielte Karten. Es macht mich wahnsinnig. Wir schimpfen auf alles, inklusive uns selbst, wir negieren, werden hart, wütend, schwach, ohnmächtig und fassungslos. Aber weich, und stark. Das will ich sein. Flüssig wie Wasser, voller Macht, wenn es fließt. Wenn es fällt. Wenn es formt. Wenn es weiter darf. Meine Tochter hat ihr Armband verloren. Es ist abends halb zehn, ich sehe, wie sie zwei Strategien hat: sie vergrößert die Trauer bis hin zur Krise, zum Absoluten Drama, sie verliert die Kontrolle an all die Bilder wie das Armband jetzt am Strand liegt, weit weg, und nie mehr wieder kommt, sie potenziert den Schmerz bis er alles einnimmt und größer wird als sie, bis sie Aua schreit im Auto, meine Brust, schreit sie, tut weh, sie kollabiert, nahezu, oder aber dann: wenn ich kühl werde, angestrengt, wütend, dann krampft sie sich zusammen, sie beißt die Zähne aufeinander bis es schmerzt, ich kann bis an mein Lenkrad fühlen wie ihr Bauch zu Stahl wird, kalt und fest, es fordert Kraft, die sie nicht hat, sie geht kaputt daran, das Verlieren eines Armbands wird zu einem Ding, was Angst macht. Und ich sage nein, nein, nein. Nicht diese, und nicht jene Strategie, sie beide machen Dich kaputt! Das Loslassen, Verlieren, das Entbehren, es gehört dazu, zum Leben. Die Traurigkeit, sie auch. Aber ich will nicht Stahl, ich will das Drama nicht, ich will das Fließen und die Wärme. Das ist es, was uns groß macht. Was uns mitspiel’n lässt, am Leben. Das Armband, es ist weg, da beißt die Maus den Faden nie mehr ab. Doch du bist müde, Tochter, und es braucht Wärme. Nicht Verbrennen. Und es braucht Kraft, nicht Kälte. Das Loslassen, es ist ein Akt des Fließens, nicht des Haltens. Du wirst noch mehr verlieren, sag ich ihr, im Leben. Du wirst Freunde haben, Dinge, Tiere, und Momente. Die Du gehen lassen musst. Wenn du verbrennst daran, und wenn du kalt wirst, so wie Stahl, dann sprichst du nach, den Psalm von Opfer und von Täter. Das Armband ist nicht Schuld, die Mutter ist es nicht, und Du, Du auch erst Recht nicht. Und wenn Du Wärme kriegst, (von mir, solange Du noch jung bist, später dann von Freunden, Bäumen, Atem und Familie), dann bleibt das Bild, des Armbands, doch die Angst, sie geht. Das Halten, es darf weichen. Und dieses Bild, vom Armband, es wird lehren Dich, beim nächsten Armband Acht zu geben: wo es ist, wenn Du es ablegst, und ob es da ist, wenn Du Deinen Platz am Strand verlässt und Deine Sachen packst. Doch wenn Du drüber gehst, wenn Du verdrängst, und es als ungeliebte Sache in den Keller packst, dann bleibt kein Bild, von Deinem Armband, denn es liegt im Keller, und dann wirst das nächste Armband Du erneut verlieren, und der Keller wird sich füllen bis er das Erdgeschoss erreicht.

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